Warum sind KMU für Oikocredit wichtig?

Warum sind KMU für Oikocredit wichtig?

Hansjpg (3).jpg26. November 2020

Hans Perk, Oikocredit-Regionaldirektor für Afrika und Experte für den globalen Agrarsektor, erläutert die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) für die Volkswirtschaft und wie Oikocredit diesen Sektor unterstützt.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gelten gemeinhin als Motor der Wirtschaft. Weltweit schafft die mittelständische Industrie mehr Arbeitsplätze und trägt stärker zur Wirtschaftsentwicklung bei als jeder andere Sektor. Nach Angaben der Weltbank entfallen in den Schwellenländern bis zu 40 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung auf KMU. Bezieht man auch die KMU im informellen Sektor ein, sind die Zahlen noch höher.

Die Definition des Begriffs „SMEs“ (small and medium enterprises, auf Deutsch: „KMU“) ist je nach Land unterschiedlich. In der Regel verstehen wir darunter aber Bäckereien, Kfz-Werkstätten und kleine Produktionsbetriebe. Dies sind Unternehmen, die die Menschen in den lokalen Gemeinschaften mit Dienstleistungen versorgen und vor Ort Arbeitsplätze schaffen. KMU sind vor allem auf den lokalen Märkten aktiv; ihnen kommt eine tragende Rolle bei der Weiterentwicklung der Wirtschaft vor Ort zu, denn sie kurbeln potenziell die Nachfrage nach lokalen Waren und Leistungen an.

Auch in Afrika – mit seiner vergleichsweise jungen und zunehmend besser ausgebildeten Bevölkerung – gewinnt der KMU-Sektor an Bedeutung. Mittelständischen Unternehmen kommt eine große Bedeutung zu, wenn es darum geht, Arbeitsplätze und einen auskömmlichen Lebensunterhalt für junge Menschen sicherzustellen. Dies trägt entscheidend zur Stabilität in der Region bei. Nach Untersuchungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) werden rund zwei Drittel der offiziellen Arbeitsplätze in Afrika von KMU geschaffen.

Mangelnder Zugang zu Krediten in Afrika

Doch sehen sich KMU in Afrika einer Vielzahl von Hürden gegenüber. Zu nennen ist vor allem der mangelnde Zugang zu Krediten, wie ich oft von UnternehmerInnen aus Afrika gehört habe. Zugang zu Krediten ist jedoch unerlässlich, damit KMU ihr volles Potenzial entfalten können. Laut Umfragen der Weltbank nennen über 40 Prozent afrikanischer Unternehmen Verfügbarkeit und Kosten von Finanzierungen als ihre größte Hürde – das sind nahezu doppelt so viele wie im Rest der Welt.

Schätzungen zufolge benötigen über 60 Prozent der Kleinstunternehmen sowie kleinen und mittleren Unternehmen [micro, small and medium enterprises (MSME)] in Ländern südlich der Sahara einen Kredit, haben über die offiziellen Kanäle aber keinen Zugang dazu. Daher sind die meisten von ihnen auf informelle Darlehen aus dem Familien- oder Freundeskreis angewiesen. Wir haben in einigen Ländern, in denen Oikocredit aktiv ist, die Erfahrung gemacht, dass nur sehr wenige KMU einen herkömmlichen Kredit aufnehmen können.

KMU zwischen Baum und Borke

KleinunternehmerInnen haben es schwer, an Kapital zu kommen, sie sehen sich zahlreichen Hürden gegenüber und können ihr Potenzial oftmals nicht voll entfalten. Davon sind insbesondere von Frauen geführte Unternehmen betroffen: Weil es ihnen an den von Banken geforderten Sicherheiten fehlt, können nur wenige die nötigen Finanzdienstleistungen in Anspruch nehmen, um ihr Geschäft auszubauen. So ist es beispielsweise in Kenia durchaus nicht ungewöhnlich, dass lang etablierte und erfolgreiche von Frauen geführte Unternehmen kein Eigentumsrecht an dem Land haben, auf dem sie ihr Geschäft betreiben.

Unter Investoren gelten afrikanische KMU als risikoreich, schwach beim Finanzmanagement und allgemein anfällig. Da es am entsprechenden rechtlichen Rahmen fehlt bzw. die bestehenden Rechtsvorschriften oftmals nicht durchgesetzt werden, ist die Vergabe von Krediten an KMU kostspielig und schwierig. Vielfach ist der Finanzbedarf, also der Kreditbetrag, für Mikrofinanzinstitutionen zu hoch und zu komplex, aber andererseits zu gering, um für Geschäftsbanken in Betracht zu kommen. Die KMU stecken also zwischen Baum und Borke.

KMU unterstützen, die etwas bewirken

Vor einigen Jahren begann Oikocredit, Finanzinstitute zu unterstützen, die sich insbesondere auf den KMU-Markt konzentrieren. Bei der Auswahl von Finanzierungspartnern, die ihrerseits KMU finanzieren, berücksichtigen wir nicht nur, wie viele zusätzliche Arbeitsplätze ein potenzieller Partner schaffen oder erhalten könnte, sondern stellen in erster Linie auf ihre sozialen Ziele ab.

So schauen wir uns beispielsweise an, ob ein Finanzdienstleister mit eingetragenen KMU zusammenarbeitet, die Arbeitsplätze im formellen Sektor anbieten. Unternehmen in Afrika sind häufig nicht formalisiert. Das bedeutet, dass ihre Beschäftigten keinen arbeitsrechtlichen Schutz, wie Sicherheit am Arbeitsplatz und angemessene Bezahlung, genießen.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist, ob ein potenzieller Partner sich insbesondere auf Unternehmen im Besitz von Frauen konzentriert. Hat der Partner eine Strategie, bestimmte Produkte oder Trainingsangebote, um diese Zielgruppe zu erreichen? Ferner fragen wir, ob der Partner eigens Produkte für KMU in der Landwirtschaft anbietet und wie das KMU-Institut aufgestellt ist, um Regionen mit hohen Armutsraten zu versorgen.

Beurteilung der sozialen und ökologischen Wirkung

Zunächst beurteilen wir potenzielle KMU-Finanzpartner im Hinblick auf ihre soziale und ökologische Wirkung. Dann treten wir mit ihnen in einen Dialog und bieten Feedback und Rat zur Verbesserung ihres sozialen Wirkungsmanagements. In einigen Fällen bieten wir auch Unterstützung in Form technischer Hilfe.

Ein Beispiel ist die Family Bank, einer unserer KMU-Finanzpartner in Kenia. Hier bieten wir Beratungs- und Schulungsprojekte, damit die Bank ihre Kreditvergabe an landwirtschaftliche Betriebe ausweiten kann. Nachdem wir den Bedarf der Bank am Ausbau ihres Kreditgeschäfts im Agrarbereich ermittelt hatten, begleiteten wir in den Jahren 2018/2019 eine Umfrage im ländlichen Bereich, um auch den Bedarf kleiner Agrarbetriebe sowie der von der Bank betreuten Wertschöpfungsketten einschätzen zu können.

Daraus ergaben sich drei profitable Wertschöpfungsketten: Milchwirtschaft, Gartenbau und Teeanbau sowie die Betriebe, die sich hier engagieren. Unsere MitarbeiterInnen entwickelten dann gemeinsam mit der Bank verschiedene Produkte, um dem Bedarf der Betriebe entlang der betreffenden Wertschöpfungsketten gerecht zu werden.

Aus- und Weiterbildung ist unentbehrlich

Ein weiteres Beratungs- und Schulungsprojekt unterstrich, wie wichtig die Aus- und Weiterbildung der MitarbeiterInnen unserer Partner ist. So nahmen Vertreter landwirtschaftlicher Verbände und ausgewählte Betriebe an einer Schulung teil, bei der aufgezeigt wurde, wie Fremdfinanzierung das Einkommen entlang der Wertschöpfungsketten verbessern kann. Anfang 2020 führte die Bank ein erfolgreiches Pilotprojekt durch, in dessen Mittelpunkt die Milchwirtschaft stand.

Im Zuge der Covid-19-Pandemie hat das Interesse entlang der Wertschöpfungsketten im Gartenbau nachgelassen. In Milchwirtschaft und im Teeanbau nimmt das Interesse hingegen zu. Anfang September 2020 stellte der Partner 10 Millionen Euro für die Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe in der milchwirtschaftlichen Wertschöpfungskette bereit. Davon sollen über 100.000 KleinbäuerInnen profitieren.

Mehr Chancen

Oikocredit ist der Überzeugung, dass es noch mehr Gelegenheiten gibt, um andere KMU-Kreditgeber wie Family Bank zu unterstützen. Ziel ist eine höhere Wirkung im ländlichen Bereich, wo Armut und Arbeitslosigkeit hoch sind. Sinnvoll konzipierte landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten, die über KMU-Kreditgeber finanziert werden, können sich in der ganzen Welt positiv auf KleinbäuerInnen sowie die Gemeinschaften vor Ort auswirken.

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