Solidarität: die Stärke unseres Netzwerks

Solidarität: die Stärke unseres Netzwerks

Thos und Laura 1.jpg06. Juli 2020

Geschäftsführer Thos Gieskes und Laura Pool, Direktorin für Finanzen & Risiko, sprechen u.a. über die Entscheidung für 2019 keine Dividende zu zahlen.

In diesem Interview unterhalten wir uns mit Oikocredit International-Geschäftsführer, Thos Gieskes, und unserer Direktorin für Finanzen & Risiko, Laura Pool, über die Generalversammlung von Oikocredit International im Juni. Sie sprechen über die Entscheidung, für 2019 keine Dividende auszuschütten, darüber, wie Oikocredit ihre Partnerorganisationen während der Pandemie unterstützt und vieles mehr:

Die internationale Generalversammlung wurde zum ersten Mal per Videokonferenz abgehalten. Wie war das?

Thos Gieskes: Es war bedauerlich, dass wir aufgrund von Covid-19 nicht alle an einem Ort zusammen sein konnten, aber es war ein interessantes Experiment. Normalerweise ist die Generalversammlung nur ein Tag in einer ganzen Woche mit Programm, in der die Genossenschaft zusammenkommt, um verschiedene Themen zu diskutieren. Und das ist der Teil, den wir heuer vermisst haben, die vielen Kontaktpunkte zum Diskutieren und Debattieren, sowohl die formellen Treffen als auch die Gespräche bei Kaffee oder während des Abendessens.

Letztendlich könnte man sagen, dass es effizient ist, Sitzungen per Video abzuhalten, und die getroffenen Entscheidungen wären wahrscheinlich die gleichen, aber es ist nicht der beste Weg, sich als Kooperative zu treffen. Interessant war, dass man vielleicht erwartet hätte, dass mehr Mitglieder auf der Generalversammlung vertreten sein würden, aber tatsächlich war die Teilnahme etwas geringer.

Der positive Aspekt ist die Verringerung unseres CO2-Fußabdrucks. Tatsächlich wurde dieses Thema heuer diskutiert, und die Direktmitglieder stimmten dafür, die Reisen zu reduzieren – das heißt die Generalversammlung wird künftig nur mehr jedes dritte Jahr im Globalen Süden stattfinden und mit längeren Flugreisen von Europa aus verbunden sein.

Welche anderen Themen wurden auf der Jahreshauptversammlung diskutiert?

Laura Pool: Es gab die üblichen Geschäftsberichte und Diskussionen über die Jahresergebnisse und dann einen Vorschlag, die Dividende für 2019 auf 0% festzusetzen. Dieser Vorschlag des Vorstands basierte auf einer revidierten Einschätzung der globalen Wirtschaftsentwicklung und der Frage, wie sich dies auf unsere Finanzlage auswirken könnte.

Oikocredit ist weltweit dort tätig, wo große Unsicherheit herrscht, und wir müssen umsichtig vorgehen und unser verfügbares Vermögen schützen, damit wir über genügend liquide Mittel zur Führung unserer Geschäfte und insbesondere über gesunde Kapitalreserven verfügen. Deshalb schlugen wir vor keine Dividende auszuschütten und kündigten dies Anfang Mai an, sodass unsere regionalen Förderkreise und nationalen Geschäftsstellen die Möglichkeit hatten, dies mit ihren Mitgliedern und InvestorInnen zu diskutieren.

Es war hilfreich, dass wir vor der Generalversammlung die Gelegenheit hatten, Kommentare und Bedenken zu hören. In den letzten 32 Jahren hat Oikocredit eine Dividende gezahlt, und so war es wichtig, dies vor einer so wichtigen Entscheidung zufriedenstellend zu diskutieren.

Thos Gieskes: Die Mehrheit der Direktmitglieder sprach sich für den Vorschlag einer Dividende von 0% aus, und mehrere Förderkreise hatten selbst bereits überlegt, einen Vorschlag für eine Dividende von 0% einzubringen. Es herrschte Einigkeit darüber, dass wir aufgrund der derzeitigen Unsicherheiten bezüglich der Auswirkungen des Coronavirus unsere finanziellen Ressourcen und die Geschäftskontinuität so weit wie möglich sichern müssen.

Wie haben sich die Prioritäten von Oikocredit gegenüber den Plänen vor Ausbruch des Coronavirus verändert?

Laura Pool: Wir gehen aktuell keine neuen Partnerschaften ein, sondern konzentrieren uns auf die Unterstützung der Partner, die wir bereits haben: durch Beratung, Erfahrungsaustausch untereinander und, wo möglich, mit finanzieller Hilfe. Zurzeit liegt unser Plan, die Anzahl der Partner zu erhöhen, auf Eis. Gleichzeitig behalten wir den Markt im Auge und beobachten, wann die Zeit für neue Initiativen und Bereiche, in denen wir expandieren können, reif ist. Was die InvestorInnen betrifft, so konzentrieren wir uns darauf, unsere bestehenden InvestorInnen auf dem Laufenden zu halten.

Es ist daher nach wie vor unwahrscheinlich, dass wir in diesem Jahr unsere Bilanz verbessern werden. Das heißt wir werden niedrigere Renditen verzeichnen und zusätzliche Gelder zur Deckung höherer Risiken im bestehenden Portfolio zurücklegen.

In der Zwischenzeit evaluieren wir laufend verschiedene Szenarien zu den Auswirkungen von Covid-19, da es nun mehr Informationen gibt und die Regierungen mit der Einführung bzw. Aufhebung von Beschränkungen oder Maßnahmen zur Milderung der wirtschaftlichen Auswirkungen reagieren. Diese „Stresstests“ werden häufig durchgeführt und ermöglichen es Oikocredit, schnell zu reagieren, wenn sich die Lage in einem Land verschlechtert oder verbessert.

Alles in allem würde ich sagen, dass die Krise die Bedeutung unserer inklusiven Finanzarbeit deutlich gemacht hat. Es zeigt sich auch der Wert unserer Beratungen und Schulungen zur Entwicklung der Widerstandsfähigkeit unserer Partner in einer unsicheren Welt. In diesem Jahr ist es eine Pandemie, in einem anderen Jahr könnten es Ereignisse im Zusammenhang mit dem Klimawandel sein, die sich auf die Lebensgrundlagen unserer EndkundInnen auswirken.

Unser Ansatz ist in dieser Krise derselbe und eine Erweiterung unseres gewohnten Geschäfts. Wir sind bestrebt, unsere InvestorInnen und Mitglieder über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten (siehe unsere Coronavirus-Updates), und wir arbeiten mit unseren Partnern individuell zusammen, um sie so gut wie möglich mit dem zu unterstützen, was sie brauchen.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit des Oikocredit-Netzwerks in diesen beispiellosen Zeiten wahrgenommen?

Thos Gieskes: Wir lernen laufend etwas über die Stärke unseres Netzwerks bestehend aus unseren AnlegerInnen und den für sie zuständigen Förderkreisen und Geschäftsstellen. Wir wissen, dass wir geduldige und loyale Mitglieder und InvestorInnen haben, die sich dem Auftrag von Oikocredit verpflichtet fühlen. Aber wir erfahren auch, wie gut die Pflege der Beziehungen zu ihnen funktioniert, sodass wir die Bedürfnisse unserer Mitglieder und AnlegerInnen verstehen und wissen, wie sie denken. Das ist so wichtig und besonders in einer Zeit der Krise.

Die Mitglieder und InvestorInnen wollen wissen, wie es uns bei der Arbeit mit den Partnern geht. Gleich zu Beginn der Krise trafen sich unsere dafür zuständigen KollegInnen (virtuell natürlich) und vereinbarten, dass sie mindestens alle zwei Wochen mit jedem Partner in Kontakt treten werden, um zu sehen, wie es ihnen geht, und um zu beurteilen, welche Unterstützung erforderlich ist. Daraufhin initiierte unsere Abteilung für Soziales Wirkungsmanagement und Innovation Online-Schulungen und Webinare, um den Partnern zu helfen, sich gegenseitig beim Wissensaustausch zu unterstützen (z.B. das Webinar mit Dr. Godwin Ehigiamusoe von unseren Partner LAPO).

Diese Bemühungen wurden von MitarbeiterInnen unternommen, die selbst unter neuen Herausforderungen und vielleicht von zu Hause aus mit einer schlechten Internetverbindung arbeiten. Sie tun genau das, was nötig ist, und das ist die Nähe zu unseren Partnern.

Aus diesen Initiativen ging hervor, dass einige unserer Partner Unterstützung brauchten, die über unsere normalen finanziellen Aktivitäten oder Beratungen hinausging, und von dort ging unsere Initiative für den Coronavirus-Solidaritätsfonds aus. Diese Anschubfinanzierung kam von der eigenen Stiftung von Oikocredit, und darauf folgten schnell Spenden von unseren Förderkreismitgliedern und AnlegerInnen. Und so sehen Sie, wie alle zusammenarbeiten, um diese Krise so gut wie möglich zu überstehen. In Zeiten wie diesen weiß man, dass man sich wirklich aufeinander verlassen kann.

Ob das Schlimmste hinter uns oder vor uns liegt, weiß keiner von uns. Alles, was wir tun können, ist uns vorzubereiten und uns aufeinander zu verlassen. So bin ich überzeugt, dass Oikocredit gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird.

Alle Informationen zu Covid-19 finden Sie in der Übersicht "Coronavirus" unter "Aktuelles".

« Zurück