„Von Führungskräften lernen“ mit Dr. Godwin Ehigiamusoe

„Von Führungskräften lernen“ mit Dr. Godwin Ehigiamusoe

Dr Godwin.jpg14. Mai 2020

Oikocredit veranstaltet Online-Treffen, in denen Partner ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus teilen.

„Von Führungskräften lernen. Auf eine Tasse Kaffee mit...“ ist eine neue Reihe von Online-Begegnungen, die Oikocredit International gestartet hat. Initiiert hat sie Kawien Ziedes des Plantes, Abteilung Soziales Wirkungsmanagement und Innovation. Der erste Gesprächspartner war Dr. Godwin Ehigiamusoe, Geschäftsführer der nigerianischen Mikrofinanzbank LAPO, die im vergangenen Jahr ein erstes Darlehen von Oikocredit erhalten hat. Sein spürbares Engagement traf auf das lebhafte Interesse von rund 50 TeilnehmerInnen – VertreterInnen von Partnern aus Ost- und Westafrika, den Philippinen und Kambodscha sowie Oikocredit-MitarbeiterInnen.

Hans Perk, Regionaldirektor Afrika bei Oikocredit, begann das Webinar mit einer Erklärung zu unseren Aktivitäten: „Wir unterstützen die Partner, bieten neben Webinaren, Belastbarkeitstest und Planungen zur Fortführung der Geschäfte zunehmend informelle virtuelle Treffen an, um von den Verantwortlichen zu hören, wie sie ihre Organisationen durch die Krise führen. Wir möchten eine Plattform bieten, auf der wir uns austauschen und voneinander lernen können.“

Die Mikrofinanzbank LAPO hat Ehigiamusoe 1987 als Nichtregierungsorganisation gegründet. Seit September 2012 ist sie als lizensierte nationale Mikrofinanzbank in 26 der 36 Bundesstaaten Nigerias aktiv – dem sozialen Wohlergehen und der Stärkung armer und besonders verletzlicher Bevölkerungsgruppen Nigerias verpflichtet. Über 90 Prozent der KreditnehmerInnen sind Frauen. „Die Organisation zeigt ein außergewöhnliches Engagement für die Verringerung der Armut in Nigeria“, betonte Hans Perk. Wie lässt sich diese Verpflichtung in der Corona-Krise erfüllen?

Alle Zusammenkünfte und Treffen ausgesetzt

Vor welchen Herausforderungen die Organisation, ihre KundInnen, MitarbeiterInnen und Geschäftspartner aktuell stehen, erläuterte Dr. Godwin Ehigiamusoe während des Webinars so: „Gestern, am 7. April, hatten wir 238 bestätigte Infizierte in Nigeria. In zwei Bundesstaaten und in der Hauptstadt gibt es einen Lockdown, darüber hinaus in mehreren Bundesstaaten teilweise Lockdowns.* Für viele unserer KundInnen bedeutet das, dass sie ihren Geschäften gar nicht mehr oder nicht in vollem Umfang nachgehen können. Nur noch Geschäfte, die Lebensmittel oder medizinische Artikel verkaufen, dürfen weiterhin öffnen. Wenn zudem die Infektionsausbreitung verhindert werden soll, kann es auch keine Treffen der Kreditgruppen mehr geben. Wir haben also überlegt, was unser Notfallplan vorsieht und uns an drei Fragen orientiert:

  1. Wie können wir unsere KundInnen und unsere MitarbeiterInnen vor Infektionen schützen?
  2. Wie gehen wir mit den Folgen der Krise und den Beeinträchtigungen unseres Geschäftslebens um?
  3. Wie können wir, wenn es einen kompletten Lockdown gibt, die negativen Auswirkungen auf unsere Kundschaft und die Arbeitsabläufe unserer Organisation abschwächen?“

Die Antwort bei LAPO war: „Alle Zusammenkünfte aussetzen und alle Kreditgruppentreffen streichen, damit sich das Virus nicht dort ausbreiten kann. Aus diesem Grund sammeln wir zurzeit auch die Rückzahlungen nicht ein und zahlen keine Kredite mehr aus. Das gilt für individuelle KreditnehmerInnen ebenso wie für kleine und mittlere Unternehmen.“ AußendienstmitarbeiterInnen seien momentan nicht im Einsatz, die Teams von der Zentrale und den Regionalbüros arbeiten, wenn möglich, im Home Office. Die Tatsache, dass derzeit keine Kredite ausgezahlt würden, so Ehigiamusoe weiter, helfe zudem, die negativen Auswirkungen der Verzögerung bei den Rückzahlungen zu mindern.

Planen, beobachten, neu bewerten, planen

„Wir arbeiten fürs erste nach einem Zweimonatsplan“, erläuterte Dr. Godwin Ehigiamusoe und setzte nach: „Wenn die Krise länger dauert, was machen wir dann? Wir müssen auf unsere Kostenbasis und die Lohnkosten schauen, um sicherzustellen, dass wir als Organisation weiterarbeiten können. Alle Maßnahmen und Pläne werden fortlaufend mit dem Aufsichtsrat diskutiert.“

„Wir befinden uns mitten auf dem Ozean und kennen die Richtung nicht, in die wir uns bewegen“, sagte Ehigiamusoe. Gerade darum sei der Versuch einer Prognose für die nächsten Monate und ein differenzierter Plan immens wichtig. „Wir müssen unsere finanzielle Situation, unsere Einnahmen fortwährend neu bewerten; ebenso unsere Ausgaben, Mieten, Löhne und so weiter und die zu erwartenden finanziellen Resultate für die Monat April, Mai und Juni.“ Und auch die Frage, was danach kommt, spiele eine wichtige Rolle – für die Organisation ebenso wie für die einzelnen KundInnen: „Wir brauchen einen Anschlussplan. Es kann sein, dass unseren KundInnen das Material für ihre Geschäfte ausgeht; dass sie kein Betriebskapital mehr haben. Es kann sein, dass sie alles verbraucht haben werden, was sie haben. Wir müssen darauf vorbereitet sein.“

Flächendeckende Unterstützung nötig

Das ist das, was LAPO selbst momentan tun kann, um der Krise zu begegnen. Wie aber reagieren Regierung und Regulierungsbehörden auf die Krise? Für Dr. Godwin Ehigiamusoe steht außer Frage, dass die staatlichen Behörden wissen, wie wichtig finanzielle Stabilität und Unterstützung derjenigen ist, die zu den schwächsten Gruppen der Gesellschaft gehören: „Die nigerianische Zentralbank hat 50 Milliarden Naira (etwa 118 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt, um kleine und kleinste Unternehmen im Land zu unterstützen, die von der Krise betroffen sind.“

Die nationale Vereinigung der Mikrofinanzbanken, deren Kuratorium er angehört, sei in Kontakt mit der Zentralbank, so Dr. Godwin Ehigiamusoe, und habe Empfehlungen ausgesprochen, wie die Mittel am effektivsten gestreut werden sollten, um flächendeckend wirken zu können. „Dabei ist es ein großer Vorteil, dass es in Nigeria tausende Mikrofinanzinstitutionen über das ganze Land verteilt in ländlichen und städtischen Regionen gibt.“

Teamgeist, neue Arbeitsweisen, Telefonanrufe

„Wie motiviert ihr die MitarbeiterInnen während der Krise und wie haltet ihr den Teamgeist und den Kontakt zu den KundInnen aufrecht, etwas, das unsere Arbeit doch ausmacht?“, wollten gleich mehrere Webinar-TeilnehmerInnen wissen. „Wir sind immer im Gespräch“, antwortete Ehigiamusoe. Motivieren müsse man aber eigentlich niemanden. „Momentan arbeiten wir daran, unseren Angestellten, vor allem denen im Außendienst, eine ganze Reihe Trainingsprogramme auf einer E-Learning-Plattform zugänglich zu machen.“ Er sehe aber auch, sagte Dr. Godwin Ehigiamusoe, dass die Arbeitsweise sich nach der Krise massiv verändern werde: „Es wird eine Verschiebung geben. Wir sehen, wie effektiv und konzentriert man arbeiten kann, ohne dass immer alle anwesend sein müssen.“ Und auch die Methode der Gruppenkredite werde neu bedacht werden müssen: „Besonders jetzt in Zeiten der Pandemie zeigt sich deren Anfälligkeit. Es wird eine unserer Aufgaben sein, künftig das Verhältnis von mehr Individualkrediten zu Gruppenkrediten auszubalancieren.“

Was den Kontakt mit den KundInnen in Corona-Zeiten angeht, hat LAPO ein verblüffend simpel klingendes Rezept. Die zuständige Abteilung sammelt Telefonnummern aller KundInnen, die ein Telefon haben. Dr. Godwin Ehigiamusoe: „Wir telefonieren jeden Tag mit unseren KundInnen und fragen nach, wie es ihnen geht. Ich mache das auch. Das halten wir seit vielen Jahren so; es ist unglaublich wichtig und sehr effektiv, besonders in der aktuellen Situation. Wir fragen, wie die KundInnen mit der Krise umgehen, was sie tun, um sich und ihr Geschäft zu schützen und welche Erwartungen sie für die Zeit danach haben. Je mehr Informationen wir haben, desto besser können wir sie unterstützen. Das alles kann man in dieser Zeit des Social Distancing hervorragend machen. Es fördert Loyalität und Verbundenheit.“

*Die Infektionszahlen, die Ausbreitung in den Bundesstaaten und die Auswirkungen ändern sich täglich. Aktuelle Informationen finden Sie unter: https://www.africanews.com/2020/04/21/nigeria-coronavirus-hub-updates-covid-19/

Hier können Sie einen Teil des Webinars ansehen:

Alle Informationen zu Covid-19 finden Sie in der Übersicht "Coronavirus" unter "Aktuelles".

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