Nachhaltigkeit ist zentral

Nachhaltigkeit ist zentral

INTRO-PE-09.jpg08. Mai 2020

Aldo Risco Mejia, im Regionalbüro von Oikocredit in Peru tätig, spricht im Interview über die Bedeutung des fairen Handels für die Arbeit mit den Partnern.

Das Interview führte Marion Wedegärtner für das Magazin des Westdeutschen Förderkreises (Ausgabe 4/2019), schon vor dem Ausbruch des Coronavirus. Anlässlich des Internationalen Tags des Fairen Handels bzw. des Weltladentags am 09.05.2020 möchten wir es mit Ihnen teilen.

Oikocredit hat Ende 2018 gemeinsam mit 250 weiteren Organisationen die Internationale Charta des fairen Handels unterzeichnet. Ziel war es, gemeinsame Werte zu definieren und zu zeigen, wie durch fairen Handel die UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung unterstützt werden können. Wir baten Aldo Risco Mejia, der im Oikocredit-Büro in Lima für Investitionen im Landwirtschaftsbereich in den Ländern des nördlichen Südamerika zuständig ist, uns von seinen Erfahrungen aus der Praxis zu berichten.

Welche Bedeutung hat der faire Handel im Arbeitsalltag vor Ort?

Aldo Risco Mejia: Rund 80 Prozent der Partner, in Peru nahezu alle, mit denen ich zusammenarbeite, haben Fairtrade-Zertifizierungen, fast immer gepaart mit Bio-Zertifizierungen. Wenn Partner zertifiziert werden möchten, unterstützen wir sie dabei, aber wir fordern sie nicht dazu auf, das ist nicht unsere Aufgabe. Für uns ist es gut, wenn die Partner mit einem der Fairhandelssiegel zertifiziert sind. Es erleichtert uns, die soziale Auswirkung der Arbeit der Partner zu beurteilen, es vereinfacht die Auswahlprozesse und das Monitoring. Aber so einfach ist es nicht überall. In Peru ist es kein Problem, zertifizierte Betriebe zu finden, hier gibt es rund 100 kleinere Kooperativen und Zusammenschlüsse, die ihren Kaffee beispielsweise nicht über große Unternehmen, sondern direkt exportieren und nach anderen Wegen suchen, um an den Markt zu kommen. Dabei können Zertifizierungen hilfreich sein. In Kolumbien beispielsweise und in anderen Ländern Lateinamerikas ist die Situation anders. Dort ist es schwieriger für uns, kleinere Kooperativen zu finden, die an organischem Anbau und fairem Handel interessiert sind. Anders als in Peru exportieren sie selten direkt, sondern eher über große Unternehmen. Zudem sind die klimatischen Bedingungen unterschiedlich günstig und das Interesse oder die Bereitschaft, nicht konventionell zu produzieren, ist dort, wo die Bedingungen schwieriger sind, geringer.

Nachhaltig, organisch, fair gehandelt, gehört alles zusammen, oder geht auch das eine ohne das andere?

Für uns steht im Mittelpunkt, dass nachhaltig produziert wird, dass schonend mit den Böden und den natürlichen Ressourcen umgegangen wird, dass gute landwirtschaftliche Praktiken angewendet werden und dass in den Kooperativen und Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, verantwortlich mit den Leitungsaufgaben und miteinander umgegangen wird. Nachhaltige Produktion ist möglich, das sehen wir ja in unserer Arbeit. Aber sie geschieht nicht ausschließlich im hundertprozentig organischen Anbau und in Fairtrade-zertifizierten Betrieben. Zumal Bio-Produkte, wenn auch zu Recht, teuer sind. Wenn ich hier in Peru ausschließlich Bio-Lebensmittel essen wollte, wäre ich nach drei Tagen pleite.

Für Oikocredit ist Nachhaltigkeit zentral – sowohl ökologisch als auch sozial.

Der faire Handel hat über seine Siegelstandards besonders auch die sozialen Aspekte im Blick, Arbeitsbedingungen, Bezahlung der ArbeiterInnen, deren Rechte, ihre Sicherheit.

Ich möchte ein Beispiel bringen. Wir haben einen neuen Partner in Ecuador, das landwirtschaftliche Unternehmen Pongarbel, das gerade die erste Finanzierung von uns bekommen hat. Das Unternehmen produziert auf 1.000 Hektar Anbaufläche Bananen und Kakao im konventionellen Anbau, aber die gesamte Farm ist Rainforest-Alliance-zertifiziert, ein Siegel, das hier in Lateinamerika verbreitet ist. Für uns ist interessant, dass die Farm ein weiteres Zertifikat hat, das internationale Siegel SMETA, vergleichbar mit Fairtrade. Das Unternehmen braucht das Siegel, um die Bananen verkaufen zu können.

SMETA konzentriert sich besonders auf die Sicherheit der ArbeiterInnen. Dazu muss man wissen, dass die Arbeit auf Farmen ein relativ hohes Unfallrisiko birgt. Die Zertifizierung beinhaltet, dass alle Arbeitsabläufe so eingerichtet sind, dass Unfälle vermieden werden. Das Unternehmen hat zudem ein medizinisches Zentrum auf dem Gelände, das von einem festangestellten Arzt betreut wird. Gute medizinische Versorgung dient der Prophylaxe, das Zentrum soll aber auch sicherstellen, dass im Fall eines Unfalls schnell gehandelt werden kann. Die Zertifizierung hat noch einen weiteren Vorteil für die ArbeiterInnen. Der Verdienstausfall, wenn jemand nach einem Unfall eine Weile nicht arbeitsfähig ist, wird aufgefangen. Solche sozialen Aspekte und Absicherungen sind in unserem Kontext immens wichtig.

Ein wichtiger Faktor beim fairen Handel sind die garantierten Mindestpreise und Prämien.

Stimmt. Und da bin ich als Agrarwissenschaftler kritisch. Ich schaue auf die Preise für die ProduzentInnen und die Gewinne durch Fairtrade-Preise und die Prämien im Vergleich zu dem Aufwand, der betrieben werden muss. Wir haben schon Verträge gesehen, in denen BäuerInnen, die sowohl Fairtrade als auch Bio-Siegel haben, ihren Kaffee für 1,60 US-Dollar pro amerikanisches Pfund verkaufen. Am Ende des Tages ist meine Frage: Wie hoch ist der Preis? Wie hoch ist der Preis auf dem Markt? Am Marktpreis ändert der faire Handel leider nichts.

Dinge verändern sich. In Peru beispielsweise kann jeder seinen Kaffee direkt verkaufen, das heißt, die Kooperativen können direkt mit den Röstereien verhandeln. Wir beobachten, dass sich die Röstereien aktuell mehr für Qualität als für Zertifizierungen interessieren und auch bereit sind, für gute Qualität gut zu bezahlen. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die ProduzentInnen und ihre Organisationen dabei zu unterstützen, gute Qualität nachhaltig zu produzieren.

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