Kaffee, Kakao und das Coronavirus

Kaffee, Kakao und das Coronavirus

Hans Perk29. April 2020

Hans Perk, Regionaldirektor Afrika, spricht im Interview über die aktuellen Herausforderungen für Kaffee- und KakaobäuerInnen.

Wir sprachen mit Hans Perk, Oikocredit-Regionaldirektor für Afrika und Spezialist für den globalen Agrarsektor, darüber, was in den Kaffee- und Kakaolieferketten funktioniert und was nicht. Wie können wir dafür sorgen, dass diese Lieferketten nach der Eindämmung des Coronavirus besser für einkommensschwache Menschen funktionieren?

Wie wird sich die Covid-19-Krise auf die Kaffee- und KakaobäuerInnen auswirken?

Millionen von BäuerInnen sind für ihren Lebensunterhalt von unseren täglichen Genussmomenten abhängig. Soziale Distanzierung und Ausgangsbeschränkungen in den Erzeuger- und Verbraucherländern haben bereits weitreichende Folgen für die BäuerInnen. Die Schließung der Grenzen, der langsame Umschlag in den Häfen, der Mangel an Containern und Schiffen und die Schließung von Verarbeitungsbetrieben haben zu Zahlungsverzögerungen geführt.

Für einen Impact Investor wie Oikocredit wird es immer schwieriger, das Risiko einer Investition abzuschätzen, zum Beispiel bei der Registrierung von Dokumenten zur Bearbeitung eines Darlehens, und einige Impact Investoren haben die Finanzierung der Landwirtschaft ganz eingestellt.

Da Restaurants, Kaffeehäuser und Bars in vielen Teilen der Welt geschlossen sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich dies in niedrigeren Preisen und gekündigten Verträgen von internationalen Käufern niederschlägt.

Gibt es ein Problem mit der derzeitigen Struktur der Lieferketten?

Was in Krisenzeiten schmerzhaft deutlich wird, ist die Abhängigkeit von den internationalen Märkten und die schwache Verhandlungsposition von Kooperativen und BäuerInnen. Kinderarbeit und Entwaldung, um nur zwei der Nachhaltigkeitsthemen zu nennen, können nur dann ernsthaft angegangen werden, wenn wir in der Lage und bereit sind, den wahren Preis der Produktion zu zahlen. Dies sollte die sozialen und ökologischen Kosten einschließen und eine langfristige Perspektive einnehmen, die langfristige Handelsbeziehungen fördert.

Im Laufe der Jahre haben wir viele Alternativen gesehen, die zum Teil eine Lösung bieten. Die Zertifizierung bietet zum Beispiel einen höheren Preis für eine verbesserte soziale und ökologische Leistung. Aber das ist immer noch nur ein kleiner Teil des Marktes.

Sind der faire Handel und die BiobäuerInnen vor Problemen auf den Massenmärkten abgeschirmt?

Ganz einfach: Nein. Die Märkte für Spezialitäten und zertifizierte Produkte werden wahrscheinlich zuerst betroffen sein. Ironischerweise sind dies die Märkte, in die viele LandwirtInnen und ihre Erzeugergenossenschaften investiert haben, um sich von den Massengütermärkten zu diversifizieren, da sie bessere Preise und stabile Käuferbeziehungen anstreben.

Die LandwirtInnen werden sich vielleicht bald fragen, welchen Mehrwert ihre Genossenschaft bietet und warum sie in die Zertifizierung investiert haben. Aufgrund der sozialen Distanzierung kann die Genossenschaft keine Treffen und Schulungen abhalten. Viele BäuerInnen sind auch von der Anbindung an den Markt abhängig, die die Genossenschaft zusammen mit ihren Barzahlungen bietet.

Es ist abzusehen, dass die Genossenschaften, wenn die Coronavirus-Pandemie weitergeht, wir aber nicht unsere Solidarität zeigen, am Ende so sehr geschwächt sein werden, dass es noch mehr Zeit brauchen wird, das, was über viele Jahre aufgebaut wurde, wiederherzustellen.

Was könnte die Kaffee- und Kakaoindustrie tun, um die Situation zu verbessern?

Glücklicherweise gibt es viel, was in Zusammenarbeit zwischen den Kooperativen und den BäuerInnen, den Geldgebern, der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und den Regierungen getan werden kann. Es gibt vier Dinge, die ich heute für am dringlichsten halte:

  1. Die Abhängigkeit der BäuerInnen von internationalen Cash Crops zu verringern. Viele BäuerInnen sind in hohem Maße von Cash Crops – von landwirtschaftlichen Produkten, die für die internationalen Märkte und nicht für die Selbstversorgung angebaut werden – abhängig.
  2. Schaffung von Werten und Entwicklung von Märkten in den Herkunftsländern. Die Gewinnspanne bei Kakao und Kaffee wird am Ende der Lieferkette erzielt, oft in wohlhabenderen Ländern.
  3. In Kooperativen zu investieren. In den ländlichen Gebieten Lateinamerikas und Afrikas erbringen Genossenschaften und andere bäuerliche Organisationen die wesentlichen Dienstleistungen an Orten, die keine andere Organisation oder Regierung erreichen kann.
  4. Die wahren Kosten der Produktion zu tragen. Da Steuerung und Durchsetzung von Sozial- und Umweltgesetzen verbesserungsbedürftig sind, brauchen wir einen neuen Ansatz zur Verbesserung der Preise, der über freiwillige Standards hinausgeht.

Diese Ideen sind nicht besonders neu. Aber ich glaube, dass die Krise, in der wir uns heute befinden, uns einen neuen Impuls gibt, um in diesen Fragen zum Handeln aufzurufen.

Und was könnte Oikocredit Ihrer Meinung nach tun, oder mehr tun?

Oikocredit spielt bereits eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Genossenschaften, die wiederum Hunderttausende von Mitgliedern haben, und kann eine wichtige Rolle als Katalysator und Vorreiterin bei der Unterstützung der von mir beschriebenen Initiativen spielen.

Ich denke, dass Oikocredit und ihre AnlegerInnen sich mit unseren Partnerorganisationen solidarisch zeigen und ihnen durch diese Krise helfen werden, indem sie ihnen die Mittel zur Verfügung stellen, die sie brauchen. Auf diese Weise werden wir in der Lage sein, den Partnern zu helfen, die die Unterstützung in dieser Zeit am meisten brauchen, und sie auf die Zukunft vorzubereiten.

Alle Informationen zu Covid-19 finden Sie in der Übersicht "Coronavirus" unter "Aktuelles".

« Zurück