„Schaut uns nicht an, lebt mit uns!“

„Schaut uns nicht an, lebt mit uns!“

FEDCO-GH-050.jpg07. Februar 2020

Vorstandsmitglied Aglaë Hagg-Thun reflektiert die Studienreise von Oikocredit International nach Ghana.

Aglaë Hagg-Thun ist bereits seit vielen Jahren in Afrika tätig. Die Studienreise, bei der einige unserer Partner in Ghana besucht wurden, war für sie Anlass, erneut über die Beziehung zwischen Nord und Süd nachzudenken:

Bei unserer Ankunft sind wir gut vorbereitet. Jeder von uns hatte vor der Studienreise nach Ghana eine Menge Informationen gelesen und zusätzlich zu dem, was uns von der Kommunikationsabteilung in Amersfoort zur Verfügung gestellt worden waren, selbst recherchiert. Daraus ergaben sich sehr unterschiedliche Standpunkte. Wir waren eine recht diversifizierte Gruppe von rund 20 ReiseteilnehmerInnen aus 8 Ländern und brachten einen bunten Korb von Fragen, Interessen, Ansichten und Meinungen zusammen. Aber uns alle verband der gemeinsame Wunsch, denjenigen zu helfen, die im Globalen Süden um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Nach den persönlichen Vorstellungen von maximal 5 Minuten am ersten Tag verstand ich, dass meine eigene „afrikanische Erfahrung“ von 4 Jahren Leben und Arbeiten in Lagos (Nigeria), 4 Jahren Tätigkeit bei einer westafrikanischen Mikrokreditinstitution und 10 Jahren Engagement für eine Frauenkooperative in Kamerun für die meisten meiner StudienreisekollegInnen ganz neu und außergewöhnlich war. 

Lebenserfahrung lässt sich eben nicht erklären. Wie der Name schon sagt, lässt sie sich nur (er)leben. Wie teilen wir in der Gruppe die zahlreichen sich widersprechenden, Empathie-getriebenen Zugänge für den hoch professionellen Weg von Oikocredit für wirtschaftliche Entwicklung? Wie sollte ich in 2,5 Minuten erklären, was mein Herz mit Westafrika verbindet, damit ich verstanden würde?

Aglaë Hagg-Thun (4.v.r.) und andere Studienreise-TeilnehmerInnen im Gespräch mit Kakaobauer Paul Bukuroh Appiah.

Während ich dies schreibe, neigt sich die Studienreise dem Ende zu. Mir ist jetzt klar, dass so manches Gespräch über das Leben und die Zukunft während der Reise nicht möglich war, da die Zeit vor Ort begrenzt war und wir sehr genau festgelegt hatten, welchen Themen im Vordergrund stehen. Ich teile die Ziele und das Konzept dieser Reise voll und ganz: Wir besuchen unsere Partnerorganisationen und ihre KundInnen, um zu erfahren, was unsere (finanzielle) Unterstützung bewirkt hat. Es hat mich jedoch im Herzen gequält, so viele Frauen, Kinder und Männer vorbeigehen zu lassen, ohne mehr als nur einen tiefen Blick in den wirtschaftlichen Teil ihres Lebens zu werfen. Ihr fragender Blick „Was willst du hier?“ konnte nur meinem Lächeln begegnen, kein Wort der Anerkennung, Ermunterung geschweige denn ein Gedankenaustausch war uns gegönnt.

Als Vorstandsmitglied von Oikocredit Austria freue ich mich außerordentlich über die Chance, die Leistungen unserer Partner in Ghana kennen gelernt zu haben. Ich kann überzeugt bestätigen, dass sie nicht nur sorgfältig ausgewählt wurden, um unsere Ziele zu erreichen. Ich habe gesehen, dass ihre Leistungen während der Zusammenarbeit mit Oikocredit ständig genauestens angesehen werden. Nicht eine einzige Ungenauigkeit entgeht dem scharfen Blick von Maria Komaroa und den Kontrollvorgängen ihres Teams im Oikocredit-Büro in Ghana; das jedenfalls ist mein Eindruck.

Nach diesen Erkenntnissen möchte ich meinen Wunsch nach dem, was ich als den „lebendigen Teil unserer Arbeit" bezeichne, an alle TeilnehmerInnen dieser Tour und ebenso an alle Mitglieder der Oikocredit-Familie und InvestorInnen weitergeben. Lasst uns nicht als ZuseherInnen durch diese Welt gehen, reisen und nachdenken. Wir haben unser Leben nicht, um ZuschauerInnen zu sein. Niemand hat die Chance des Lebens erhalten, um nur Publikum zu sein. Sicherlich erleben wir da draußen eine Menge Spektakel, aber das Leben ist kein Film. Leben wir mit den Menschen mit, die unsere Finanzmittel verwenden dürfen! 

Jedes Leben ist dazu bestimmt, es in vollem Umfang zu leben! Unsere EndkundInnen wurden nicht finanziell abgesichert geboren, aber sie geben alles: Sei es als Geschäftsfrau auf einem Markt in Accra oder als Modeschneiderin in der Stadt. Sei es als Kakaobäuerin, die von einer besseren Qualität der Kakaobohnen träumt, damit ihren Kindern ein besseres Leben führen können. Oder als Verantwortliche einer ländlichen Bank, die sich für die Entwicklung und mehr Wohlstand der Dorf-Gemeinschaften einsetzt. Ihr beruflicher Einsatz ist wesentlich stärker als so manch einer bei uns, die wir in Sicherheit groß wurden.

Dies ist die wichtigste Botschaft, die ich von den Menschen in Ghana erhalten habe und die bekräftigt, was mich jede meiner afrikanischen Erfahrungen zuvor gelehrt hatte:

„Schaut uns nicht an, sondern lebt mit uns!“, sagen die Augen der ghanaischen Frauen und Männer zu uns. 

Nun denn, kommt! Lasst uns immer auf Augenhöhe miteinander leben - hüben und drüben, hier und dort! Das Menschsein verbindet uns alle, es gibt keinen Grund für Unsicherheit und Berührungsängste; außer unser eigener Egoismus. Nur wenn wir irgendwo tief in unserem Inneren ein bisschen leiden, für das, was (noch) nicht erreicht wurde, werden wir ganz mit jenen leben, für die unser investiertes Geld und unsere tägliche Arbeit bestimmt sind. Nur wenn wir uns weiterhin danach sehnen, uns mit den Menschen aus dem Globalen Süden persönlich auszutauschen, werden wir weiterhin die große soziale Wirkung erzielen, die unsere Verpflichtungen und Bemühungen von uns verlangen. 

Diese Wirkung verändert die Welt nachweislich – so Gott will und wir es zulassen. 

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