Hat Ihr Investmentportfolio den „Quan“?

Hat Ihr Investmentportfolio den „Quan“?

Eduard Walkers11. November 2020

Eduard Walkers, Oikocredit-Regionaldirektor Lateinamerika & Karibik, schreibt über die Anforderungen an die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung.

Eduard Walkers, Oikocredit-Regionaldirektor für Lateinamerika und die Karibik, befasst sich in seinem Beitrag mit den Anforderungen an die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung und lässt sich dabei von einer ungewöhnlichen Quelle inspirieren: dem Film „Jerry Maguire – Spiel des Lebens“, einer romantischen Komödie und Sportdrama. Er schlägt eine „Quan-Skala“ für die Bewertung der Investitionen vor und fragt: Verfügt Ihr Anlageportfolio über den „Quan“?

In dem Film „Jerry Maguire – Spiel des Lebens“ (1996) mit Tom Cruise gibt es diese wunderbare Szene, in der Rod Tidwell Jerry Maguire erklärt, was er mit dem „Quan“ meint.

Maguire: Quan, das ist Ihr Wort?

Tidwell: Ja Mann, das ist mein Wort. Einige Kerle werden die Münze haben, aber sie werden niemals den Quan haben.

Maguire: Aber, was ist der Quan?

Tidwell: Es bedeutet Liebe, Respekt, Gemeinschaft und auch die Dollar. Das gesamte Paket: der Quan!

Quan ist genau das, was wir brauchen, um unsere Wirtschaft wiederaufzubauen. Nach der Pandemie wird eine neue Wirtschaft Investitionen in finanzielle Inklusion, nachhaltige Landwirtschaft und Nahrungsmittelketten, erneuerbare Energien und vieles mehr benötigen. Aber es geht nicht nur um das Geld. Wir müssen dringend Ressourcen auf gleichberechtigtere und nachhaltigere Weise mobilisieren. Mit anderen Worten: Wir brauchen das gesamte Paket: Liebe, Respekt und Gemeinschaft - den Quan.

Aber wird uns das Reden über Liebe, Respekt und Gemeinschaft sehr weit bringen bei den großen Geschäftsbanken? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich werde also einen Ausdruck verwenden, der der Investorenwelt vielleicht vertrauter ist, und zwar: Finanzierung der nachhaltigen Entwicklung.

Finanzierung der nachhaltigen Entwicklung

Im Allgemeinen bezieht sich dies auf den Prozess der Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Erwägungen (ESG) sowie der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) bei Investitionsentscheidungen. Und die gute Nachricht ist, dass die Finanzierung der nachhaltigen Entwicklung schnell wächst. Es gibt viele Beispiele dafür, was geschieht, wie zum Beispiel:

  • Die von den Vereinten Nationen einberufene Net-Zero Asset Owner Alliance ist eine Gruppe von 29 internationalen institutionellen Investoren mit einem verwalteten Vermögen von fast 5 Billionen US-Dollar, die sich verpflichtet haben, ihre Anlageportfolios bis 2050 auf Netto-Null-Treibhausgasemissionen umzustellen.
  • Die Global Alliance for Banking on Values (der Oikocredit angehört) ist ein Netzwerk von Banken, Kreditgenossenschaften, Mikrofinanzinstitutionen und kommunalen Entwicklungsbanken aus der ganzen Welt, die sich verpflichtet haben, den positiven Wandel im Bankensektor voranzutreiben, ihn transparenter zu gestalten und die wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu unterstützen.
  • Sustainable Finance ist eine Initiative des World Wide Fund for Nature, in der der WWF mit Banken, Investoren, Regulierungsbehörden und Börsen zusammenarbeitet, um ESG in den Mainstream-Finanzsektor zu integrieren und ein widerstandsfähiges Finanzsystem zu schaffen, das die globale Entwicklungsagenda unterstützt.
  • Die Global Investors for Sustainable Development (GISD) Alliance ist eine von der UNO einberufene Gruppe globaler Investoren, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Erkenntnisse privater Branchenführer zu nutzen, um Hindernisse zu beseitigen und Lösungen zur Mobilisierung von Ressourcen für die nachhaltige Entwicklung umzusetzen.

Doch leider ist das Konzept der Finanzierung nachhaltiger Entwicklung noch zu vage, und wir haben noch einen langen Weg vor uns. GISD zufolge mangelt es an globaler Abstimmung und Konsistenz. Das Kapitalangebot ist vorhanden, aber inkonsistente Ansätze bei den Messgrößen und das Unvermögen, sich auf gemeinsame Klassifikationen zu einigen, schaffen eine Mauer zwischen dem Kapital und den Nachhaltigkeitsbedürfnissen der Welt.

Um diesen Mangel an Klarheit noch zu verstärken, gibt es „Greenwashing“: Marketing, das eine Organisation so darstellt, als würde sie positive Umweltergebnisse erzielen, wenn dies nicht der Fall ist. Es gibt auch „Rainbow-Washing“: Marketing, das eine Organisation so darstellt, als würde sie zu den (farbcodierten) SDGs beitragen, wenn dies nicht der Fall ist.

Messen Sie Ihr Quan-Level

In dem Versuch, die Welt der nachhaltigen Entwicklungsfinanzierung besser auszurichten, hat GISD eine transparentere Rahmenstruktur entwickelt. Dieser Rahmen ist nützlich, und ich verwende ihn hier, um eine, wie ich es nenne, Quan-Skala festzulegen. Hier gehen die Quan-Level von der niedrigsten Stufe 0, „die Münze", bis zur höchsten Stufe 5, der „Quan“, d.h. das Gesamtpaket.

Quan-Level 0: traditionelles Investieren. Maximierung der finanziellen Erträge unabhängig von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG-Faktoren).

Quan-Level 1: Negativ-Screening. Ausschluss von Aktivitäten oder Branchen mit definierten negativen Auswirkungen, z.B. Waffen, Gewinnung fossiler Brennstoffe oder Governance-Praktiken wie mangelnde Transparenz oder absichtlich zu viel Geld von den KundInnen zu verlangen.

Quan-Level 2: ESG-Integration und -Engagement. Integration positiver ESG-Faktoren in Investitionsentscheidungen und möglicherweise Verbesserung der finanziellen Erträge. Dabei geht es nicht nur um Umweltfragen wie den Klimawandel, sondern auch um soziale Fragen wie die Arbeitspraktiken eines Unternehmens und Governance-Fragen wie die Vielfalt der Vorstandsmitglieder. Der Investor arbeitet auch mit seinen Beteiligungsunternehmen zusammen, um deren ESG-Performance zu verbessern.

Quan-Level 3: positiv oder „Best In Class“ beim Screening. Auswahl und Investition nur in Unternehmen, die branchenübergreifend in Bezug auf Nachhaltigkeitsperformance und ESG am besten abschneiden.

Quan-Level 4: SDG-Themenbezogene Investitionen. Investitionen in ein oder mehrere Themen oder Vermögenswerte, die um die SDGs herum aufgebaut sind, z.B. Wasser und Hygiene, saubere Energie und nachhaltige Städte. Hier ist es wichtig, dass der Beitrag zum Thema klar umrissen, eindeutig und klar auf den Sinn der SDGs ausgerichtet ist.

Quan-Level 5: Impact Investing (wirkungsorientierte Investitionen). Investieren mit der Absicht, neben einer finanziellen Rendite auch positive, messbare soziale und ökologische Auswirkungen zu erzielen. Diese Ebene kann nur von denjenigen beansprucht werden, die die die Wirkung messen. Das mag einfach klingen, kann aber extrem schwierig und kostspielig sein.

Haben Sie den Quan?

Die weltweit am weitesten verbreitete nachhaltige Anlagestrategie, die bei zwei Drittel der nachhaltigen Investitionen angewendet wird, ist das Negativ-Screening (Level 1). Aber die ESG-Integration (Level 2) hat mit 17% pro Jahr zugenommen.

Die Level 3 bis 5 werden nach wie vor hauptsächlich von Social Impact Fonds und Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen wie Oikocredit erreicht, aber selbst einige von ihnen haben Schwierigkeiten, das dritte Level zu erreichen, da ihnen ein klarer Rahmen fehlt. Es besteht immer noch eine große Lücke bei der Erreichung der SDGs in den Ländern des Globalen Süden, die auf 2,5 bis 3 Billionen US-Dollar pro Jahr geschätzt wird. Wir müssen an höheren Standards arbeiten, um die Finanzindustrie auf ein nachhaltigeres Niveau zu bringen und mehr Geld zu investieren. Die gesamte Finanzindustrie muss sich einbringen.

Meine Frage an Finanzinstitutionen, Regulierungsbehörden, Börsen und AnlegerInnen lautet also: Welche Strategie werden Sie verfolgen? Die Strategie, nur die „Münze“ zu haben, oder die Strategie des Quan?

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