Oikocredit und erneuerbare Energie: ein Interview mit David ten Kroode

Oikocredit und erneuerbare Energie: ein Interview mit David ten Kroode

David ten Kroode - Renewable Energy Manager - Oikocredit2.jpg29. Mai 2020

Seit 2014 investiert Oikocredit auch in erneuerbare Energie. Wir werfen einen Blick auf die bisherigen Entwicklungen.

Mitte 2014 begrüßte Oikocredit den Experten für die Finanzierung erneuerbarer Energien, David ten Kroode, zum Aufbau und zur Leitung eines damals für Oikocredit neuen Arbeitsschwerpunkts: die Finanzierung von Projekten im Bereich erneuerbare Energie in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wir sprachen mit ihm über die Entwicklungen der letzten fünf Jahre und darüber, was die Zukunft bringen kann.

Wie ist der aktuelle Stand der Investitionen in erneuerbare Energie für Oikocredit?

David ten Kroode: Wir haben vor fünf Jahren begonnen, in erneuerbare Energien zu investieren. Unser Bestand an Darlehen und Investitionen in diesem Bereich beläuft sich heute auf mehr als 50 Millionen Euro, was etwa 5% unseres gesamten Anlageportfolios entspricht. Unser Portfolio im Bereich erneuerbare Energien besteht aus großen Infrastrukturprojekten und Investitionen in kleine netzunabhängige Projekte.

Bei unseren Investitionen konzentrieren wir uns hauptsächlich auf die Verbesserung des Zugangs zu Energie, das heißt die Bekämpfung der Energiearmut. Viele Menschen haben keinen Strom, oder es ist zu teuer, Zugang zum Energienetz zu erhalten. Einige haben zwar Strom, aber er funktioniert nur gelegentlich, und er ist extrem teuer. Angenommen, Sie leben in Ruanda und möchten Ihr Handy aufladen, aber Sie haben keinen Zugang zu Elektrizität. Dann müssen Sie in das Dorf gehen, wo es einen Dieselgenerator gibt. Die Kosten für diesen Strom sind 30 bis 50 Mal höher als in Europa. Außerdem kann das Geld, das Sie für den Strom ausgeben, für nichts anderes ausgegeben werden, und ein Handy ist ein unverzichtbares Gerät, um zum Beispiel kleine Zahlungen zu leisten.

Zu Beginn haben wir in große netzgebundene Infrastrukturprojekte, „on-grid“-Projekte, investiert. „On-grid“ bedeutet, dass es an das nationale Stromnetz angeschlossen ist. Wir haben zum Beispiel in einen 50-Megawatt-Solarpark in Honduras investiert, der 10.000 Haushalte mit Strom versorgt. Jetzt bewegen wir uns mehr und mehr in Richtung Investitionen in netzferne Anlagen („off-grid“). Das bedeutet Energie für Menschen oder kleine Unternehmen, die keinen Zugang zum Stromnetz haben. Unsere Partner bieten eine Lösung in Form von Heimsolaranlagen an.

Warum die Verlagerung hin zu Off-Grid-Projekten?

Wir haben die Projekte, die wir vor fünf Jahren begonnen haben, genau unter die Lupe genommen. Diese größeren Projekte sind besonders gut in makroökonomischer Hinsicht: gut für ein Land (es müssen weniger fossile Brennstoffe oder Strom importiert werden) und gut für die Umwelt (geringere CO2-Emissionen). Wir haben aber auch untersucht, wer wirklich von ihnen profitiert. Große Infrastrukturprojekte können gebaut werden, ohne dass die Menschen, die direkt nebenan wohnen, Zugang zu dem durch das Projekt erzeugten Strom haben.

Für Großprojekte steht Geld zur Verfügung, zum Beispiel von internationalen institutionellen Investoren. Wir fragen uns also: Was ist der Mehrwert von Oikocredit? Obwohl die Auswirkungen auf die Umwelt beträchtlich sind, sind sie nicht unser einziger Antrieb. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht um die Umwelt kümmern; tatsächlich werden alle unsere Projekte anhand von Umweltkriterien geprüft. Aber wenn ein Projekt nur CO2 reduziert, ohne positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft zu haben, dann würden wir nicht investieren.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wie wird sich diese entwickeln?

Ich denke, wir werden in Zukunft eine stärkere Verschmelzung von netzgebundenen und netzunabhängigen Projekten erleben. Ein gutes Beispiel dafür sind „mini-grids". Das sind Stromnetze von der Größe eines Dorfes oder einer Kleinstadt, die nicht an ein nationales Netz angeschlossen sind. Wenn zum Beispiel ein Solarzellenfeld von der Größe eines halben Fußballfeldes gebaut wird, werden dann sowohl Haushalte als auch die Maschinen kleiner Unternehmen daran angeschlossen.

Seit 2014 investiert Oikocredit auch in erneuerbare Energie.

Wie wird eine Organisation im Bereich erneuerbare Energien, die Investitionen benötigt, Partner von Oikocredit?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Weil es Oikocredit schon so lange gibt, sind wir gut bekannt. Wenn ein Unternehmen im Internet sucht, stehen die Chancen gut, dass es uns findet. Aber unsere KollegInnen in der Region weisen uns auch auf Projekte hin. Und wir haben ein gutes Netzwerk von gleichgesinnten Finanzinstitutionen, die mit uns gemeinsam in Projekte investieren wollen.

Wie beantragen potenzielle Partner eine Finanzierung durch Oikocredit?

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Wir prüfen derzeit mit einem potenziellen Partner die Finanzierung von Mini-grids in Benin. Sie arbeiten an einem Projekt zur Stromversorgung von 20 Dörfern. Ich bin auf diese Organisation gestoßen, als ich in Ghana einen anderen Partner besuchte.

Also reiste ich nach Benin und besuchte die Dörfer, in denen diese Mini-Netze gebaut werden sollen. Egal, wie viel man hinter einem Computer recherchiert, es ist wichtig, vor Ort zu sein, um die reale Umgebung zu sehen, in der ein solches Projekt stattfindet. Was uns auffiel, war die Vielfalt der wirtschaftlichen Aktivitäten in diesen Dörfern. Und sie machten alles ohne Elektrizität: Fisch kühlen und Getreide mahlen. Wir sind überzeugt, dass die Entwicklung dieser Dörfer einen enormen Aufschwung erfahren wird, wenn es Strom gibt. Diese Wirkung geht über das Licht am Abend hinaus. Denn auch das Einkommen der Gemeinschaft wird steigen, und das können wir nur sehen, wenn wir dort sind.

Wie wichtig ist es, vor Ort präsent zu sein?

Oikocredit hat in den Ländern, in denen wir tätig sind, oft eine Geschäftsstelle vor Ort. Das ist wichtig: Man kann nicht alles aus der Ferne verstehen und analysieren. Man muss sich ein Gefühl für die Bedingungen vor Ort verschaffen. Wenn ich einen potenziellen Partner besuche, komme ich immer mit Erkenntnissen zurück, die ich nicht voraussehen konnte: sowohl positive als auch negative. Ich könnte zum Beispiel ein größeres Risiko entdecken, oder im Gegenteil, ein Risiko, das auf dem Papier groß erscheint, in der Praxis aber nicht so groß ist.

Gibt es Länder, in denen die Entwicklungen schneller voranschreiten?

Ja, in vielen afrikanischen Ländern gibt es einen Nachholbedarf, weil es dort nur wenig Strominfrastruktur gibt. Es gibt einen großen Prozentsatz an Menschen, der überhaupt keinen Zugang zu Elektrizität hat. Und genau in diesen Ländern boomt die Entwicklung von Mini-Netzen.

In Afrika werden Heimsolaranlagen auf einer „pay-as-you-go“-Basis angeboten, bei der die Menschen für die Nutzung über einen bestimmten Zeitraum bezahlen. Das ist dank mobiler Zahlungen möglich. Technologische Entwicklungen bedeuten, dass Geräte für erneuerbare Energien heute weniger kosten und mehr Strom erzeugen. Die Finanzierung von Heimsolaranlagen und Mini-grids ist mit einem etwas höheren Risiko verbunden, aber die soziale Rendite ist höher. Wir versuchen dies immer auszubalancieren, und wir überwachen sowohl die finanziellen als auch die sozialen Renditen, die die InvestorInnen erwarten.

Diese Entwicklungen auf dem Gebiet der nachhaltigen Energie sind vor allem in Afrika zu beobachten, weniger in Lateinamerika. Deshalb liegen unsere Investitionen diesbezüglich derzeit hauptsächlich in Afrika.

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die Oikocredit-Partner im Bereich erneuerbare Energie?

Gegenwärtig arbeitet Oikocredit mit allen Partnern zusammen, um sie bei ihren Geschäftskontinuitätsplänen, Szenarioanalysen und beim Cash-Flow-Management zu unterstützen. Auf diese Weise hoffen wir, auch unseren Partnern im Bereich erneuerbare Energie dabei zu helfen, sich allen geschäftlichen Herausforderungen zu stellen, die sich aus Covid-19 ergeben, und ihren KundInnen weiterhin ihre Energiedienstleistungen anzubieten. Wo immer möglich, koordinieren wir unseren Ansatz unseren Partnern zu helfen mit anderen Impact Investoren.

Die Entwicklungen vollziehen sich in rasantem Tempo. Aktuell sehe ich, dass es spezifische Risiken für unsere Partner im Sektor erneuerbare Energie gibt. Ein Risiko besteht darin, dass die Unternehmen, die die Solarsysteme liefern, ihre Fabriken schließen müssen. Ein anderes besteht darin, dass die KundInnen ihr Einkommen verlieren und es sich nicht mehr leisten können, für ihre Energie zu bezahlen.

Gleichzeitig hören wir von Unternehmen, dass die Produktion von Sonnenkollektoren bereits wieder anläuft. Auch bezahlen die Haushalte in Afrika gerade in dieser Krisenzeit weiterhin für ihren Solarstrom, weil sie ihren Zugang zu Nachrichten und Informationen über Mobiltelefone, Radio und Fernsehen behalten wollen. Das Bild ist also nicht ganz negativ.

Alle Informationen zu Covid-19 finden Sie in der Übersicht "Coronavirus" unter "Aktuelles".

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