Mikrofinanz erreicht mehr Menschen, als man zunächst denkt

Mikrofinanz erreicht mehr Menschen, als man zunächst denkt

28.01.20-CLOTH-GH-16.jpg28. Februar 2020

Maarten von Oikocredit Niederlande hat im Rahmen der Studienreise nach Ghana unseren Partner Advans besucht.

Ich steige in Accra, der Hauptstadt Ghanas, aus dem Auto aus, auf eine Straße mit einem tiefen, offenen Abwasserkanal. Lastwägen, Motorräder und hupende Taxis fahren auf der Straße vorbei. Es hat 35 Grad Celsius, überall liegt Müll, aber der Gehsteig ist schön sauber gekehrt. Zu meiner Linken verkauft jemand Nüsse, zu meiner Rechten kann man kleine Elektrogeräte kaufen. Vor mir sehe ich einen Stoffladen. Das ist das Geschäft einer Unternehmerin, die einen Mikrokredit erhalten hat.

Begleitet von einem Kreditsachbearbeiter

Ich bin im Auftrag von Oikocredit Niederlande in Ghana. Zusammen mit KollegInnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Kanada, Spanien und den Niederlanden sind wir auf einer Studienreise. Eine Reise zu unseren Partnerorganisationen und deren KundInnen, die von der zentralen Oikocredit-Geschäftsstelle in den Niederlanden und unserer örtlichen Geschäftsstelle in Ghana organisiert wurde. John begleitet uns heute. Er ist Kreditsachbearbeiter für unseren Partner Advans, das heißt er ist die Kontaktperson zwischen der Mikrofinanzinstitution und den KundInnen, meist sind es KleinstunternehmerInnen. Es ist großartig, dass er mit dabei ist, denn er hat regelmäßigen Kontakt mit diesen UnternehmerInnen und kennt sie daher persönlich. John erzählt mir, dass wir eine Unternehmerin besuchen werden, die mit ihrem Geschäft sehr erfolgreich ist.

John arbeitet bei Advans und begleitete die Studienreise-Gruppe.

Bevor wir das Auto verlassen, sagt John, dass bei Advans 70% der KundInnen Frauen sind. Das ist eine wichtige Zahl für uns, denn im Allgemeinen sind Frauen oft stärker benachteiligt, zum Beispiel weil sie keine Ausbildung erhalten haben. Außerdem investieren Frauen ihr Geld früher in die Ausbildung ihrer Kinder und in gesunde Lebensmittel für die ganze Familie. Ein Mikrokredit macht Frauen auch finanziell unabhängig von ihren Männern. Und dann sind wir plötzlich da. Ich trete nach draußen, über die offene Kanalisation, vorbei am Nussverkäufer und lande in einem Laden voller schöner, farbenfroher Stoffe.

Ayshetus Erfolgsgeschichte

Sie wartet in ihrem Laden auf uns, schön gekleidet und breit lächelnd. Sehe ich richtig? Hat sie goldene Zähne? John geht hinüber, um ihr zu erklären, wer wir sind. Ich stelle mich ihr vor. Wir schütteln uns die Hände. Sie sagt mir, dass ihr Name Ayshetu ist, dass sie 50 Jahre alt ist und zwei Kinder hat.

Zu Beginn verkaufte sie Stoffe aus einem Korb, den sie auf dem Kopf trug, auf der Straße – so wie viele andere Menschen in Ghana ihre Ware anbieten. Vor 25 Jahren hat sie einen Laden eröffnet. Sie begann mit einem kleinen Kredit, aber derzeit hat sie einen Kredit von etwa 7.500 Euro.

Ayshetu ist mit ihrem Stoffgeschäft sehr erfolgreich.

Ich frage sie, wie es möglich ist, dass sie ein so großes Darlehen hat. Sie sagt: „Die Dinge laufen sehr gut. Ich reise sogar nach China, Indien und Dubai, um neue Stoffe zu kaufen.“ Deshalb hat sie keinen Mikrokredit mehr, sondern einen Kredit für kleine und mittlere Unternehmen. Da sie einen ziemlich großen Kredit hat, bin ich neugierig, ob sie sehr abhängig davon ist. Als ich frage, was passieren würde, wenn sie keinen Kredit mehr bekommt, lächelt sie und sagt: „Ich komme schon klar.“

Was ist der Mehrwert eines Darlehens bei diesem Oikocredit-Partner? Dank der Darlehen von Advans konnte Ayshetu anfangs größere Mengen von Stoffen aus Togo und Nigeria kaufen. Jetzt kann sie sogar Stoffe aus China, Indien und Dubai erwerben. Weil es so gut läuft, kann Ayshetu ihr Geld auch in andere Projekte investieren. Sie verdient jetzt so gut, dass sie zwei Häuser mit Wohnungen bauen konnte. In einem Teil lebt sie mit ihrer Familie, die anderen Wohnungen vermietet sie an Verwandte. Die Wirkung ihres Darlehens geht daher weit über ihr Geschäft hinaus. Ich stelle fest, dass viel mehr Menschen damit erreicht werden, als man auf den ersten Blick erkennen kann.

Später frage ich John nach den goldenen Zähnen. Er sagt mir, wenn ghanaische Muslimas in Mekka waren, zeigen ihre goldenen Zähne das.

Eine wichtige Rolle für das Kleinunternehmertum in Ghana

Ich verlasse ihren Laden und steige wieder ins Auto. Wir fahren weiter. Ich denke mit Begeisterung an unser Treffen zurück. Ich finde es großartig, wie Ayshetu mit dem Verkauf auf der Straße begann und jetzt - 25 Jahre später - ein erfolgreiches Geschäft hat. Der Einfluss, den ihr Kredit auf ihr Leben, ihre Kernfamilie, aber auch auf ihre Großfamilie hat, berührt mich sehr.

John sagt, dass Advans eine wichtige Rolle bei der Unterstützung des Kleinunternehmertums in Ghana spielt. Damit füllen sie die Lücke, die normale Banken hinterlassen. Deshalb will er heute so viele KleinstunternehmerInnen wie möglich besuchen: Damit ich besser sehen kann, was die soziale Wirkung ist. Während ich noch mit ihm spreche, hält das Auto an diesem Tag ein zweites Mal an. Unser zweiter Besuch steht an, wir besuchen natürlich eine Frau.

Die Studienreise von Oikocredit International bietet Ehrenamtlichen und MitarbeiterInnen die Gelegenheit Partner und ihre KundInnen im Globalen Süden persönlich kennenzulernen. Im Jänner 2020 ging die Reise nach Ghana. Mehr dazu können Sie im Nachbericht und im Kommentar der österreichischen Reiseteilnehmerin, Vorstandsmitglied Aglaë Hagg-Thun, nachlesen. Auch auf dem Blog von Oikocredit Deutschland finden Sie spannende Geschichten.

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