Fair ist, wenn alle profitieren

Fair ist, wenn alle profitieren

Interview Matheka 1 ©Julia Krojer.jpg16. Jänner 2020

Athanas Matheka, Gründer des Oikocredit-Partners Greenforest Foods, sprach über fairen Handel und was er als Produzent von Honig und Nüssen selbst beiträgt.

Im Oktober 2019 war Athanas Matheka in mehreren europäischen Ländern unterwegs, um sein Unternehmen vorzustellen und den InvestorInnen zu zeigen, wie ihm Oikocredit bei seinem Erfolg unterstützt hat. Auch in Salzburg und Wien machte der Kenianer Halt, in Deutschland sprach er mit unserer Kollegin Marion Wedegärtner über das Thema fairer Handel. Das Interview ist zuerst im Magazin des Westdeutschen Förderkreises (Ausgabe 4/2019) erschienen.

Was ist fairer Handel für Sie, Herr Matheka?

Athanas Matheka: Ganz einfach: Wenn alle, die an einem Handel beteiligt sind, davon profitieren. Und zwar proportional zu ihrem Beitrag. Sonst ist der Handel auf lange Sicht nicht nachhaltig. Wertschöpfungsketten sind wie jede reale Kette auch. Wenn ein Glied schwach ist, braucht es besondere Unterstützung von allen. Denn wenn das schwache Glied reißt, funktioniert die Kette nicht und alle haben das Nachsehen. Aus meiner Perspektive afrikanischer Länder weiß ich: Die meisten der ProduzentInnen in der Landwirtschaft sind arm und verwundbar. Sie erzeugen viele Produkte, die am Ende in irgendwelchen großen Geschäften landen, aber sie bekommen so gut wie nichts dafür.

Die ProduzentInnen können nichts dagegen tun, oder?

Dass die kleinen ProduzentInnen nicht wirklich profitieren, ist für mich die größte Herausforderung, Wenn sie mehr Informationen hätten, wäre viel gewonnen. In meinen Augen ist ein wesentlicher Teil fairen Handels Wissen. Es müsste Antwort auf die wichtigsten Fragen der ProduzentInnen geben: Wie produziere ich so gute Produkte, dass sie gewollt werden, und wie bekomme ich die Produkte so unter die Leute, dass sie allen nützen?

In meinem Arbeitsumfeld beobachte ich etwas in den sozialen Medien, das gezielter Desinformation gleichkommt. Unternehmen, die sich nicht auskennen mit den Böden bei uns und unseren regionalen Gegebenheiten, starten hier im Land Werbekampagnen für bestimmte Sorten Saatgut, die die BäuerInnen kaufen sollen, bei denen sich dann später herausstellt, dass sie gar nicht für ihre Zwecke geeignet sind. Den BäuerInnen fehlt das Wissen, um das, was da beworben wird, inhaltlich abzuwägen und zu bewerten.

Athanas Matheka ist gelernter Lebensmitteltechniker.

Qualität ist ein starker Motor. Fairer Handel bedeutet für mich auch, den ProduzentInnen dabei zu helfen, gute Qualität zu liefern. Wissen ist der Schlüssel für Entwicklung. Wer fair handeln will, muss informieren und aufklären.

Was ist Ihr Beitrag als Unternehmer zu fairem Handel?

Wir verpflichten uns, sichere und nahrhafte Lebensmittel für die KonsumentInnen zu produzieren, und zwar nachhaltig, unsere Arbeit transparent gegenüber allen Beteiligten zu machen, fair zu bezahlen und für die Beschäftigten eine sichere Arbeitsumgebung zu schaffen. Mit den LieferantInnen, also den Farmerinnen und Farmern, vereinbaren wir die Preise vor der Ernte, mit Blick auf den Markt, damit sie wissen, ob sie mit uns zusammenarbeiten wollen oder nicht.

Wäre eine Fairtrade-Zertifizierung für Ihren Betrieb ein erstrebenswertes Ziel?

Es wäre gut, beides, Bio- und Fairtrade-Zertifizierungen zu haben. Für uns würde es einen Marktvorteil bedeuten. Auf meiner Reise bin ich von einigen kleinen Unternehmen hier in Deutschland darauf angesprochen worden. Der Markt ist bereit. Aber die ProduzentInnen sind es nicht. Sie produzieren kleine Mengen und haben große Mühe, überhaupt über die Runden zu kommen. Wenn ich denen sage, dass sie dann etwas mehr für ihre Produkte bekommen, was bedeutet das bei geringen Mengen?

Wir würden ihnen gerne mehr bezahlen, wir bekämen ja etwas höhere Preise mit Zertifikat. Vielleicht könnte das genügen, damit sich die BäuerInnen auch wirklich an die Vereinbarungen vor der Ernte halten. Dass einige „side selling“ machen, kann man ihnen kaum übelnehmen. Sie verkaufen an irgendjemandem, der bis dahin nichts in die Arbeit der FarmerInnen investiert hat, ihnen aber einen etwas höheren Preis anbietet.

Bisher habe ich mich nur über die Bio-Zertifizierung informiert. Sie ist ziemlich kompliziert und teuer für ein kleines Unternehmen, wie wir es sind – und jeder einzelne Produzent müsste ja zertifiziert sein. Ohne Unterstützung geht das nicht.

„Zertifikate wären gut, aber das schaffen wir nicht alleine“, sagt Matheka.

Womit haben Sie selbst als vergleichsweise kleines Unternehmen zu kämpfen?

Wir produzieren naturreinen Honig, Bienenwachs und Erdnüsse. Fairer Handel bedeutet auch, dass alle denselben Zugang zum Markt haben müssen. Das ist aber nicht der Fall. Wir sind abhängig von der Regierung und sind derzeit, was beispielsweise den Honig angeht, vom Markt ausgeschlossen, weil es in Kenia keinen nationalen Rückstandskontrollplan (Programm zur Kontrolle auf mögliche Rückstände von Tierarzneimitteln und Hormonen in tierischen Lebensmitteln, Anm.) gibt. Damit fehlen uns die Voraussetzungen, um den Honig nach Europa exportieren zu können.

Dabei ist Bienenhaltung in Kenia eine klimafreundliche Alternative zur Viehzucht.
Die Viehhaltung führt in den meisten Regionen zu Umweltbelastungen, Bodenschäden und Konflikten, weil Ressourcen wie Wasser und Weideland aufgrund des Klimawandels immer knapper werden. Die afrikanische Biene ist zudem widerstandsfähig – nicht anfällig für Krankheiten und Seuchen; wir verwenden keine Antibiotika in den Bienenvölkern. Wir wissen, dass unser Honig frei von Antibiotika- und Pestizidrückständen ist, weil wir aus denselben Waben Bienenwachs herstellen. Unsere Bienenwachsproben wurden in Deutschland analysiert und sind lebensmittelecht.

Während meiner Tour bin ich mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Kontakt getreten. Wenn die sich dafür einsetzt, dass Kenia einen Rückstandskontrollplan entwickelt, und bereit ist, die Zertifizierungen finanziell zu fördern, können wir den Honig zertifizieren lassen. Das ist wichtig für uns. Wir benötigen einen zertifizierten Nachweis, dass der Honig keine Pestizide enthält. Wir brauchen die Hilfe einer großen Organisation wie der GIZ.

Unterschiedliche Richtlinien, Grenzwerte und Bestimmungen erschweren auch den Export von Erdnüssen.

Erdnüsse enthalten Aflatoxin, ein in bestimmter Konzentration krebserregendes Gift. Die zugelassenen Höchstwerte sind unterschiedlich. In Europa sind vier Mikrogramm pro Kilo zugelassen, in manchen Ländern sind es null, in anderen bis zu 20 Mikrogramm. In Afrika haben wir einen Grenzwert von zehn Mikrogramm. Um unter die Grenze von vier Mikrogramm zu kommen, arbeiten wir mit der Egerton Universität in Kenia zusammen und versuchen, Regionen zu identifizieren, in denen der Aflatoxin verursachende Pilz im Boden nur in geringen Mengen vorkommt. Wir haben eine Gegend gefunden, in der wir es schaffen können, Erdnüsse zu produzieren, die nur zwei Mikrogramm pro Kilo enthalten. Dann können wir nach Europa exportieren.

Vielleicht sind die Erdnüsse von Greenforest Foods künftig in Europa zu erhalten.

Ein weiterer Faktor ist das Saatgut. Um in Kenia Saatgut zu verkaufen, muss man registriert sein, aber es ist Tradition, dass man kostenlos Saatgut zur Verfügung stellen darf. Wir verfahren nach dem Konzept des „community-based seed system“: Die FarmerInnen erhalten ein Kilo Saatgut. Daraus können sie rund 15 Kilo Erdnüsse produzieren. Wir zahlen den BäuerInnen 14 Kilo, das Geld für ein Kilo geht zurück an das Gemeinschaftssystem, damit es sich selbst finanzieren kann. Wenn es also eine Dürre gibt, und der Farmer nichts produzieren kann, muss er auch das Saatgut nicht zahlen. Saatgut ist teuer. Die FarmerInnen begrüßen diese Regelung, und wir wissen, dass wir zuverlässige Produkte bekommen. Es hat in der jüngsten Vergangenheit in Kenia kein zertifiziertes Saatgut für Erdnüsse gegeben; aber die Egerton Universität hat kürzlich Sorten von guter Qualität herausgebracht. Die Universität produziert das Saatgut mit einer Gruppe BäuerInnen, die besonders gut sind und deren Höfe dann der Ausbildung der anderen FarmerInnen dienen.

Wir machen fairen Handel auf unsere Weise. Wir kennen unsere ProduzentInnen. Viele sind in Kooperativen organisiert. Aus unserer Perspektive ist das nicht automatisch gut, weil nicht jede Kooperative gut geführt ist. Das ist einer der Gründe, warum wir die BäuerInnen individuell bezahlen, damit wir wissen, dass das Geld bei ihnen ankommt. Am Sammeltag wiegen wir die Erdnüsse, sobald der Laster voll ist, verkaufen wir und bezahlen unsere LieferantInnen sofort über den mobilen Zahlungsverkehr M-Pesa. Dazu brauchen sie kein Bankkonto, was die wenigsten Menschen in Kenia haben, sondern nur ein Handy, und das hat so gut wie jeder.

Jeder müsse gemessen an seinem Anteil an der Wertschöpfungskette profitieren, haben sie eingangs gesagt. Wie ordnen Sie den Beitrag von Greenforest Foods ein, und wie fair geht es da zu?

Uns als Unternehmen sähe ich mit 25 Prozent an der Wertschöpfungskette beteiligt. Die KundInnen im Handel bekommen 35 Prozent und wollen immer mehr. Die Supermärkte haben die Macht. Wir unsererseits haben unsere LieferantInnen sofort bezahlt, beliefern die Supermärkte, und die lassen sich monatelang Zeit, ehe sie bezahlen. Das ist Machtmissbrauch, kein fairer Handel. Die Supermärkte besitzen 90 Prozent des Handels. Fairer Handel ist eine ethische Frage. Zwingen kann man ja niemanden. Es ist Aufgabe der Regierungen, kleine und mittlere Unternehmen zu unterstützen und die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Wir haben als Verband die Regierung aufgefordert, gesetzlich einzugreifen, aber am Ende unterlaufen die Supermärkte auch das, nutzen ihre Monopolstellung aus und setzen die LieferantInnen unter Druck.

Ich hab’s ganz gut, weil unsere Produkte gefragt sind. Die KonsumentInnen können Krach schlagen, wenn sie sie nicht im Regal finden und tun das auch.

Was bedeutet die Zusammenarbeit mit Oikocredit für Greenforest Foods?

Wir haben Oikocredit kennengelernt, als wir es am dringendsten brauchten. Die Genossenschaft hat uns 2014 die dringend nötige Finanzierung zur Verfügung gestellt. Niemand sonst wollte das tun, ohne Realsicherheiten. Als 2015 drei unserer wichtigsten Kunden in die Insolvenz gingen und wir 40.000 Euro verloren haben, hat Oikocredit unseren Kredit verlängert und uns so wieder zum Aufschwung verholfen. Seither konnten wir neue Maschinen kaufen, die Zahl unserer MitarbeiterInnen von zehn auf 39 steigern, mehr Partner entlang der Wertschöpfungskette und mehr Kunden gewinnen, darunter zwei internationale Einzelhändler, eine regionale Fluglinie und eine Restaurantkette in der Region.

Mittlerweile beschäftigt Athanas Matheka knapp 40 MitarbeiterInnen. Die Förderung von Frauen ist ihm dabei ein Anliegen.

Sie sind darin geübt, Widerstände zu überwinden und für das, was Ihnen wichtig ist, zu kämpfen. Wofür kämpfen Sie heute?

Ich sehe mich als Aktivist für Chancengleichheit. Besonders wichtig ist mir, dass Frauen sowohl in der Wirtschaft als auch in der politischen Führung eine wichtigere Rolle spielen. Ich bin in bescheidenen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen. Wann immer es dort Probleme gab, waren es meist die Frauen, die sie gelöst haben. Frauen können besser mit Geld umgehen. Und sie sind die größte ProduzentInnengruppe. In Kenia sind die Männer die Landbesitzer. Wir ermutigen sie, den Frauen das Land zu überlassen, wenn sie sich andernorts Arbeit suchen. Wenn der faire Handel funktioniert und wenn Frauen sich angemessen daran beteiligen können, verdienen sie mehr. Sie können Land pachten, etwas anbauen und wirtschaftlich stärker werden. Davon profitieren die Familien und die Gemeinschaften.

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