Engagement in Schwerpunktbereichen intensivieren und Partner stärken

Engagement in Schwerpunktbereichen intensivieren und Partner stärken

Thos-Gieskes-web.jpg08. August 2019

Zur Jahreshälfte spricht Oikocredit-Geschäftsführer Thos Gieskes über die aktuellen Entwicklungen in der Genossenschaft.

Zur Jahreshälfte erläutert Thos Gieskes, Geschäftsführer von Oikocredit International, die jüngsten Entwicklungen in der Genossenschaft. Intensiviert wurden die Anstrengungen in den Schwerpunktbereichen; die Genossenschaft sucht nach neuen Wegen, um ihre Partner über das rein Finanzielle hinaus zu unterstützen. Ziel ist die Stärkung der Geschäftstätigkeit und der Netzwerke unserer Partnerorganisationen.

Inwieweit hat sich die Entwicklungsgesellschaft Oikocredit seit ihren Anfängen im Jahr 1975 verändert? Was sind die Unterschiede zur aktuellen Situation?

Der deutlichste Unterschied ist unsere Größe. Am Anfang waren wir eine relativ kleine Bewegung. Wir hatten die großartige Idee, im Leben einkommensschwacher Menschen etwas zum Positiven zu bewegen, doch dafür stand nur sehr wenig Geld zur Verfügung. So erhielten wir die Mittel zunächst über Mitglieder der Kirche. Dann wurde uns schnell klar, dass wir mit einer breiteren Anlegerbasis sehr viel mehr Menschen helfen könnten. Wenn man bedenkt, wo wir angefangen haben – mit nur einer kleinen Gruppe von Kirchenmitgliedern – und wie viele Menschen jetzt beteiligt sind, das ist schon sehr spannend. Mit unseren 57.000 Anlegerinnen und Anlegern könnte man ein ganzes Fußballstadion füllen!

„Impact Investing“ ist jetzt in aller Munde. Bei Oikocredits Gründung im Jahr 1975 war das noch ein ganz neues Konzept. Wie unterscheidet sich Oikocredit von anderen sozial orientierten Investoren und Investorinnen?

Bei Oikocredit stand – und steht – immer die soziale Wirkung im Mittelpunkt. Das ist der Zweck unseres Daseins. Wir erleben, dass dieser Wunsch nach sozialer Wirkung wächst und dass die Gesellschaft als Ganzes sich stärker ihrer Verantwortung stellen will. Oikocredit will aber nicht bloß Verantwortung übernehmen. Wir wollen, dass unsere Investments größtmögliche soziale Wirkung erzielen und dabei gleichzeitig einen angemessenen finanziellen Ertrag bringen. Diese Herangehensweise haben sich inzwischen zwar auch andere Organisationen auf die Fahnen geschrieben, aber es war bei uns von Anfang an der zentrale Anspruch.  

Können Sie uns etwas zu den jüngsten Veränderungen und Entwicklungen bei Oikocredit erzählen?

Im Rahmen unserer aktualisierten Strategie konzentrieren wir uns in erster Linie darauf, höheren Mehrwert für unsere Partner zu schaffen. Gemeinsam mit unseren Partnern suchen wir nach Lösungen für Probleme, die die weitere Entwicklung ihrer Geschäftstätigkeit betreffen.

In der Vergangenheit war es so, dass sich Partnerschaften ergaben und wir diesen Partnern Finanzierungen bereitstellten. Erst dann kamen nach und nach unsere Beratungs- und Schulungsinitiativen ins Spiel. Diese Beratungs- und Schulungsprogramme nehmen auch weiterhin an Bedeutung zu, aber wir sind uns darüber im Klaren, dass noch mehr getan werden muss, um unsere Partner zu unterstützen. Wir suchen jetzt nach Möglichkeiten, wie sich die strategischen Dilemmas lösen lassen, denen sich unsere Partner geschäftlich gegenübersehen.

Nehmen Sie zum Beispiel Kakao: Wenn die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern nicht steigen, dann müssen wir schauen, warum das so ist. Und dazu müssen wir uns die gesamte Wertschöpfungskette angucken, um zu sehen: Wo sind die Probleme, und was müssen wir tun, um sie anzugehen? Wenn die Einkommen nämlich nicht steigen, dann haben diese Menschen kaum eine Chance, ihre Lebensumstände zu verbessern. Es kann also nicht allein um die Finanzierung gehen oder um den Kakao – die Probleme müssen bereichsübergreifend angegangen werden, wenn wir hier wirklich einen Unterschied machen wollen. Und genau das tun wir – und wir werden dies auch weiter tun, um unsere Partner besser unterstützen zu können.

Die letzte Generalversammlung von Oikocredit International fand erst kürzlich in den Niederlanden statt. Was wurde dort diskutiert – und mit welchem Ergebnis?

Dies war die dritte internationale Generalversammlung, an der ich teilgenommen habe, und es war eine besonders erfolgreiche. Es macht mich froh, Menschen zu erleben, die mit Optimismus in die Zukunft schauen.

Oikocredit durchläuft derzeit eine Phase des Wandels, um unsere aktualisierte Strategie umzusetzen. Ziel ist es, unsere Finanzergebnisse zu verbessern. Unsere Mitglieder haben uns in dieser Phase großes Verständnis und viel Unterstützung entgegengebracht. Unsere Mitglieder können die Richtung, in die wir uns bewegen, nachvollziehen und begleiten diesen Wandel mit Enthusiasmus.

Bei so viel Bereitschaft und positiver Einstellung gab es reichlich Raum für Gespräche über das Geschehen rund um den Globus und dazu, was Oikocredit tut, um etwas zu bewirken. Außerdem diskutierten wir Themen wie beispielsweise Oikocredits aktuellen Fokus auf Fintech (Finanztechnologie).

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Generalversammlung stimmten auch dem Vorschlag des Vorstands zu, eine Dividende von einem Prozent auszuschütten. Dazu fand keine große Debatte statt – wahrscheinlich, weil wir unseren Mitgliedern sowie den Investorinnen und Investoren die Finanzlage und unsere Herangehensweise an die verschiedenen Problemkreise im Rahmen unserer aktualisierten Strategie bereits langfristig kommuniziert hatten. 

Was ist für Oikocredit bei der weiteren Umsetzung der aktualisierten Strategie besonders spannend?

Wir freuen uns natürlich immer ganz besonders, wenn wir auf neue Partner stoßen, die Menschen in einkommensschwachen Gemeinschaften bei der Realisierung ihrer Träume und Ziele helfen. Ganz spannend ist dabei, wenn wir, wie gesagt, höheren Mehrwert für unsere Partner schaffen können. Der Wunsch, unsere Partner auf die bestmögliche Weise zu unterstützen, ist sehr groß, gerade bei unseren Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort eng mit Partnern zusammenarbeiten.

Und dann kommt noch ein eher technischer Punkt hinzu: Ich persönlich finde die Prozesse sehr spannend, die wir jetzt effizienter gestalten. Es ist schon toll zu sehen, wie die Menschen in der gesamten Organisation unsere Abläufe voranbringen wollen. Sind die neuen Verfahren erst einmal umgesetzt, können wir unsere Partner zeitnäher und effizienter unterstützen. Wir agieren schneller und flexibler, und auch das ist spannend. Auch bei der Begleitung unserer Partner werden wir immer besser. Dabei geht es nicht darum, sie zu überwachen, sondern sie bei der Erfüllung ihres Sozialauftrags zu unterstützen. Gleichzeitig wollen wir die hervorragende Arbeit, die unsere Partner leisten, wirkungsvoller an unsere Mitglieder, Anleger und Anlegerinnen sowie die an „Impact Investing“ interessierte breitere Öffentlichkeit kommunizieren.

Welche Bereiche spiegeln Oikocredits neue Ausrichtung besonders klar wider? Was sind die Unterschiede zu früher?

Neu für uns sind die Änderungen bei der Strategie für erneuerbare Energie. Als wir 1975 anfingen, war der Schutz unserer natürlichen Umwelt für die meisten Menschen noch gar kein Thema. Aber heute ist das ein wesentliches Anliegen und steht im Zentrum unseres Handelns.

Wir begnügen uns nicht nur mit Investitionen in Umweltschutzprojekte, wir wollen auch sichergehen, dass unsere Investitionen in diesem Bereich sozial sind. Im Bereich erneuerbare Energien gibt es zahlreiche Großprojekte, die finanziert werden, aber was wirklich gebraucht wird, ist saubere Energie für einkommensschwache Gemeinschaften. Saubere Kochtechnologie – ein ganz neuer Bereich für uns – ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Fast vier Millionen Menschen sterben jedes Jahr infolge von Krankheiten, die auf die Luftverschmutzung durchs Kochen zurückzuführen sind. Die meisten dieser Menschen gehören zur niedrigsten Einkommensgruppe. Saubere Kochtechnologie ist nicht nur besser für die Umwelt, sondern kann auch Leben retten. Genau da wollen wir investieren.

Ein anderer Bereich, in dem es Anpassungen gab, ist wie gesagt der Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette unserer Agrarpartner. Wir waren immer stolz darauf, Kooperativen oder bäuerliche Kleinbetriebe finanziell zu unterstützen, denn niemand wollte in diesem Segment Kredite vergeben. Wir taten das – aber wir erkannten, dass das nicht reicht. Kleine Kooperativen und Bäuerinnen und Bauern sehen sich existenzbedrohenden wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber. Das liegt zum Großteil an den vielen Ineffizienzen in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, ein Bereich, in dem wir Kenntnisse vermitteln und Unterstützung bieten können.

Auch die ökologischen Aspekte der Landwirtschaft stehen für uns im Mittelpunkt – die Landwirtschaft verschlingt enorme Ressourcen, aber gleichzeitig muss die Weltbevölkerung ernährt werden. Wir können unseren Partnern dabei helfen, effizienter mit Wasser und anderen Ressourcen umzugehen.

Warum soll der Öffentlichkeit Oikocredits Arbeit wichtig sein, wenn es doch so viele andere Probleme in der Welt gibt?

Ja, leider gibt es zahlreiche dringende Probleme, die unbedingt angegangen werden müssen. Dennoch möchte ich behaupten, dass Oikocredits Arbeit eines der wichtigsten Probleme in Angriff nimmt. Hinzu kommt, dass viele Probleme miteinander zusammenhängen. Nehmen Sie beispielsweise den Klimawandel: Die Menschen, für die wir uns einsetzen, sind häufig die größten Opfer des Klimawandels. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns bei unserer Arbeit auch mit Umweltfragen.

Aber man darf nicht vergessen, dass man sich nicht nur für ein einziges Anliegen entscheiden muss. Wählen Sie die Anliegen, die Ihnen wichtig sind, und innerhalb dieser Bandbreite ist sicherlich Platz für Oikocredit.

Außerdem wirbt Oikocredit Investments ein. Wir sagen: Wenn Sie wollen, dass Ihr Geld einem guten Zweck dient, wenn Sie es gerade nicht brauchen, dann lassen Sie es bei uns! Und bei der Rückzahlung wissen Sie, dass Ihr Geld sinnvoll eingesetzt wurde. Auch wenn das Angebot von Vermögensanlagen im Mittelpunkt steht, so sind uns Spenden doch immer hochwillkommen – sie tragen zur Finanzierung unserer Beratungs- und Schulungsangebote bei. 

Wenn jeder mit seinem Geld etwas Gutes tut, dann können wir viele Menschen erreichen.

Im September wird Oikocredit ihren Bericht zum Wirkungsmanagement veröffentlichen. Können Sie uns eine Vorschau auf den Inhalt geben?

Zunächst einmal weist der Bericht darauf hin, dass unsere Partner 2018 insgesamt 38 Millionen Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen betreuten. 2017 waren es erst 36 Millionen. Auch die Zahl der Kunden und Kundinnen auf dem Land sowie der weiblichen Kundschaft ist gestiegen.

Wir freuen uns außerordentlich, dass die Zahl der Haushalte mit Zugang zu sauberer Energie von 15.600 im Jahr 2018 auf fast 71.700 gestiegen ist.

Beim Bericht selbst handelt es sich um eine neue Publikation, die den früheren Bericht zum sozialen und ökologischen Wirkungsmanagement und die Publikation „Auf einen Blick“ zusammenführt. Der Bericht hat eine neue Optik und enthält noch mehr Infografiken, um unsere Zahlen zu illustrieren.

Zudem gibt es eine neue Rubrik, in der es um unseren Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen der UNO (Sustainable Development Goals) geht, und eine Rubrik zu unserem Beratungs- und Schulungsangebot. Dieser Bereich wird für unsere Arbeit immer wichtiger.

Das sind nur einige wenige Highlights aus dem Bericht für 2018 – mehr im September!

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