Erschwingliche Wohnbaudarlehen für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha

Erschwingliche Wohnbaudarlehen für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha

AGM-2019-03.jpg01. August 2019

Oikocredit Niederlande sprach mit Sothany Chun, Geschäftsführerin unseres Partners First Finance plc, über ihre Arbeit.

Sothany Chun ist CEO des Oikocredit-Partners First Finance plc, einem Finanzinstitut, das Wohnbau- und Sanierungsdarlehen für Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha bereitstellt. Der Oikocredit-Förderkreis in den Niederlanden traf sich kürzlich mit ihr, um über ihren Hintergrund, ihre Arbeit und darüber zu sprechen, wie First Finance durch einen besseren Zugang zu Wohneigentum Leben verbessert.

Könnten Sie uns zunächst etwas über Ihren Hintergrund erzählen?

Nach Abschluss meines Studiums in Buchhaltung begann ich 2002 meinen ersten Job in der Wirtschaftsprüfung, für eine Wohltätigkeitsorganisation namens World Vision Cambodia. Ich habe alle betrieblichen Aktivitäten der Organisation kennengelernt. Zu dieser Zeit lernte ich das Thema Mikrofinanz kennen.

Schon bald wurde mir klar, dass mein eigentliches Interesse die betriebliche Arbeit war, nicht die Zahlen. So schloss ich mich dem Programmentwicklungsteam an, das mit dem Support-Büro und den Geldgebern zusammenarbeitete und sich auch an der Ausarbeitung von Anträgen beteiligte, was alles sehr interessant war.

Im Jahr 2007 wechselte ich zu Vision Fund (dem Mikrofinanzarm von World Vision), bevor ich zu einem Mobile Banking-Unternehmen mit Sitz in Australien wechselte. Sie wollten etwas für Menschen mit niedrigem Einkommen tun – das war eine Initiative ihres Corporate Social Responsibility-Teams – und ein mobiles Geldtransfergeschäft aufbauen. Das fand ich damals besonders spannend. Im Jahr 2011 wechselte ich zu First Finance – zunächst als CFO (Finanzvorstand), bevor ich 2014 in meine derzeitige Position als CEO (Geschäftsführerin) berufen wurde.

Sothany Chun, CEO von First Finance Plc, spricht vor der Oikocredit-Mitgliederversammlung im Juni 2019.

First Finance bietet Kredite für Wohnen und Sanieren. Warum ist das in Kambodscha so wichtig?

Der erste Name unserer Organisation, als sie 2006 gegründet wurde, war eigentlich „First Home“, da die Personen, die sie gegründet haben, sahen, dass junge Angestellte in Bezug auf Wohnbaudarlehen und den Zugang zu erschwinglichen Wohnungen einen großen Nachteil hatten. Einerseits kamen die jüngeren Arbeitnehmer und Arbeiternehmerinnen nicht für Mikrofinanzkredite in Frage, wurden aber auch von Geschäftsbanken übersehen, die sich mehr auf das High-End-Segment konzentrierten, das als risikoärmer wahrgenommen wird.

Also wurde das Konzept der Mikrohypotheken getestet – aber nicht auf die Art und Weise, wie es eine typische Geschäftsbank tun würde, sondern anhand von Kundinnen und Kunden mit niedrigen bis mittleren Einkommen. Das Konzept erwies sich als erfolgreich und die Organisation wurde zu einem Finanzinstitut mit einem neuen Namen gewandelt, um die neue Situation, die beabsichtigte soziale Wirkung und unsere Vision widerzuspiegeln: First Finance.

Könnten Sie ein Beispiel dafür geben, wie Sie einem bestimmten Kunden geholfen haben?

Es gibt viele inspirierende Geschichten zu erzählen, aber eine von Mutter und Tochter kommt mir in den Sinn: Sie hatten ihr eigenes Zuhause, aber es wurde ihnen weggenommen, als die Regierung beschloss, die Straße zu verlängern. Normalerweise würde der Bau einer Straße als eine positive Entwicklung für die Gemeinschaft angesehen werden, aber diese Frauen waren natürlich sehr unzufrieden, als ihr Land für den Bau verwendet wurde. Von dem Land, das sie hatten, war dann nur noch ein Meter übrig, nicht einmal genug, um ein neues Haus zu bauen.

Die Tochter hatte einen Laden auf dem Markt, also zogen sie dorthin. Sie lebten dort eine ganze Weile und obwohl ihr Geschäft Einkommen brachte, reichte es nicht aus, ein Haus zu kaufen.

Glücklicherweise hat First Finance einige Werbeaktionen auf dem gleichen Markt durchgeführt. Nachdem Mutter und Tochter erfahren hatten, was wir tun, trafen wir uns mit der Tochter und ein Darlehen wurde genehmigt. Sie nahm zuerst einen Kredit auf, um Land zu kaufen, zahlte eine Reihe von Raten und erhielt später einen weiteren Kredit, um ein Haus zu bauen.

Nachdem die Tochter endlich mit ihrer Mutter in das neue Haus ziehen konnte, sagte sie mir etwas, das ich nie vergessen werde: "Danke. Wegen First Finance habe ich jetzt wieder ein Zuhause." Es war wirklich rührend. Ein Haus bedeutet für eine Familie alles und die Tatsache, dass wir Familien ein Zuhause zurückbringen können, ist eine sehr positive Sache und sehr motivierend.

Was sind die zentralen Herausforderungen für Sie in Kambodscha?

Die Laufzeit von Hypotheken ist in der Regel lange. Der Kauf eines Hauses ist für jeden eine große Entscheidung. Die durchschnittliche Kreditlaufzeit unserer Kundinnen und Kunden beträgt 10 Jahre. First Finance hat in gewisser Weise Glück, dass unsere eigenen Kredite von unseren eigenen Kreditgebern durchschnittlich fünf Jahre betragen. Eine typische Mikrofinanzinstitution kann möglicherweise nur einen Kredit für drei Jahre erhalten.

Wir können jedoch nicht den gleichen Kreditrahmen erfüllen, den wir dem Kunden oder der Kundin zur Verfügung stellen. Wenn dies 10 Jahre sind und wir selbst nur ein fünfjähriges Darlehen bekommen können, gibt es eine fünfjährige Lücke.

Die andere Herausforderung besteht darin, dass wir die einzige Mikrofinanzinstitution sind, die Hypotheken tätigt. Es gibt daher wenige Menschen, mit denen man sprechen und von denen man lernen kann. Du kannst das Rad nicht die ganze Zeit neu erfinden. Du musst in der Lage sein, zu teilen, von anderen zu lernen – besonders von den „Best Practices“. Wir stellen uns immer wieder die Frage: Ist das das Richtige? Könnte es besser sein, können wir die Dinge anders machen?

Einige Leute mögen fragen, warum wir uns nur auf Hypotheken beschränken. Vielleicht würden wir bei einer Diversifizierung eine bessere Rendite erzielen. Es mag vielleicht langsam vorangehen, aber wir machen einen Unterschied. Und das ist, was zählt. Wir wachsen vielleicht nicht so schnell wie andere oder erzielen nicht die Renditen, die sie erzielen, aber wir arbeiten nicht nur, um eine finanzielle Rendite zu erzielen - wir existieren wegen der sozialen Wirkung, und das ist es, was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert.

In Kambodscha war die Überschuldung in den letzten Jahren ein Problem. Gibt es konkrete Maßnahmen, die Sie ergreifen, um dieses Problem anzugehen?

Es gibt eine Vereinigung aller wichtigen kambodschanischen Mikrofinanzakteure, die sich mit Brancheninitiativen und -vorschriften auseinandersetzt. In der Vergangenheit gab es keine aufsichtsrechtliche Begrenzung der Anzahl der Kredite. Die Menschen konnten sich von fünf verschiedenen Institutionen Geld leihen. Die Besorgnis über die Überschuldung veranlasste den Verband, ein Limit festzulegen: Nun dürfen Einzelkunden und Einzelkundinnen bei nicht mehr als zwei Finanzinstituten einen Kredit aufnehmen. Bei Gruppenkrediten – das sind in der Regel kleinere Kredite – ist die maximale Anzahl drei.

Wenn der Kunde oder die Kundin aufgrund kurzfristiger finanzieller Schwierigkeiten wie zum Beispiel durch Krankheit eines Familienmitglieds oder Wetteränderungen in Verzug ist, wird mit First Finance eine kurzfristige Lösung gefunden, das heißt gemeinsam an der Lösung des Problems gearbeitet. Langfristige finanzielle Schwierigkeiten erfordern eine enge Absprache mit der Kundin und geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass die Kundin letztendlich über die finanzielle Fähigkeit verfügt, das Darlehen weiterhin zurückzuzahlen.

First Finance-Kunde Tha Phon und seine Frau. Tha Phon nahm ein Wohnbaudarlehen auf, um den Kauf ihres neuen Haues mitzufinanzieren.

Weltweit gibt es einen Mangel an Frauen in Führungspositionen. Wie ist es in Kambodscha?

Es ist eine ähnliche Geschichte hier, und bis zu einem gewissen Grad ist sie noch schlimmer. Wir haben etwa 70 Mikrofinanzinstitute in Kambodscha und 35 Geschäftsbanken. Aber die Anzahl der weiblichen CEOs ist sehr begrenzt.

Im Mikrofinanzsektor gibt es einige Familienunternehmen, sodass wir dort mehr weibliche CEOs sehen, denn im Allgemeinen ist es bei einem Familienunternehmen die Frau, die das Unternehmen leitet.

Wir wachsen in einer Kultur auf, in der du als Frau für die Familie sorgst. Sich um die Kinder zu sorgen und das Wohlergehen der Familie liegen also in der Verantwortung der Frau. Es wird aber auch erwartet, dass Frauen innerhalb des Haushalts nicht die Führung übernehmen. Es ist der Mann, der entscheidet. 

Dennoch beginnen wir, mehr Gleichgewicht in der Gesellschaft zu sehen. Mehr Frauen gehen zur Schule und besuchen zum Beispiel eine höhere Ausbildung.

Wie sieht es für Sie als CEO von First Finance aus? Hatten Sie Schwierigkeiten, diese Position zu erreichen?

Als ich die Position einnahm, wurde mir gesagt, dass sich mein Leben ändern würde. Eine gute Work-Life-Balance zu erreichen, das ist leichter gesagt als getan. In der Praxis ist es wirklich schwer. Mein Mann ist sehr verständnisvoll. Er arbeitet auch Vollzeit, sodass wir weniger Zeit mit den Kindern haben. Wir teilen uns die Aufgaben im Haushalt. Am Wochenende versuche ich, meine Zeit der Familie und besonders meinen Kindern zu verbringen.

Ich verstehe auch, dass meine Kollegen vor den gleichen Herausforderungen stehen, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deshalb würde ich sagen, dass es bei dieser Frage nicht unbedingt um das Geschlecht gehen muss.

Aus geschäftlicher Sicht würde ich sagen, dass es in Ordnung ist, denn die Gleichberechtigung der Geschlechter wird akzeptiert und ich werde nicht nur als weiblicher CEO betrachtet – vielleicht, weil wir mehr ausländische Investoren haben. Es verändert sich zum Besseren in Kambodscha. Es gibt immer mehr Frauen in höheren Positionen.

Inwiefern konnte Oikocredit Sie bei einigen der Herausforderungen unterstützen, mit denen First Finance konfrontiert war?

Oikocredit finanziert nicht nur, sondern investiert auch in Schulungen für seine Partner. Seit 2015 bietet uns Oikocredit beispielsweise Schulungen zum Risikomanagement an, die Finanzrisikomanagement, Kreditrisikomanagement und Katastrophenvorsorge umfassen. First Finance nahm auch am „Responsible Finance“-Training teil (mit Mentoring zur Durchführung einer Selbstbewertung der Kundenschutzgrundsätze). Wir verfügen über begrenzte Ressourcen, sodass diese nicht-finanzielle Unterstützung, die wir von Oikocredit erhalten, wirklich wichtig ist.

Ebenso wollen wir bei First Finance unsere Expertise weitergeben und unsere eigenen Kundinnen und Kunden gut beraten. Wir gehen über die Erbringung einer Finanzdienstleistung hinaus. Wir verwenden den Begriff „Housing Solution Partner“. Wir wollen ein Berater, ein Partner für die Kundinnen und Kunden sein, damit sie bei Fragen zu uns kommen und uns vertrauen, wenn es um die Bedürfnisse rund um ihre Wohnungen geht.

Darüber hinaus kann Oikocredit uns als Investor helfen, uns mit der richtigen Person oder Organisation zu vernetzen, von der wir in Bezug auf Herausforderungen, Erfahrungen, Best Practices, usw. lernen können.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie sich für eine Zusammenarbeit mit Oikocredit entschieden haben?

Wir sind bei Oikocredit geblieben, weil sich Oikocredit auf die soziale Leistung konzentriert. Wir sehen, wie sie mit uns interagieren, Bewertungen und Kontrollen durchführen sowie berichten; in der Tat zeigen alle diese Dinge, worum es ihnen geht. Die Fragen, die sie einer Organisation stellen, zeigen, wonach sie suchen, und das ist der Grund, warum wir die Beziehung fortsetzen wollen.

Wir sind stolz darauf Teil von Oikocredit zu sein, denn sie tun wirklich die Dinge, von denen sie behaupten, dass sie sie tun.

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