Von der Freiheit einer Hühnerzüchterin

Von der Freiheit einer Hühnerzüchterin

PROEMP-PE-34.jpg11. Februar 2019

Im Rahmen der Studienreise Ende 2018 besuchten die TeilnehmerInnen auch Dimas Morales, eine selbstbewusste Kleinunternehmerin.

Der Text stammt von Marion Wedegärtner vom Westdeutschen Förderkreis und erschien zuerst auf dessen Blog. Dort finden Sie auch noch weitere Berichte zur Studienreise.

Lima liegt in der Wüste. Wir fahren nach Südosten. Da ist es unverkennbar. „Jedes bisschen Grün, das ihr seht, alles, was blüht, ist gepflanzt und gewässert worden“, sagt Leila Loaiza, die Übersetzerin. Da, wo Lima wohlhabend oder reich ist, wachsen Palmen und leuchtende Büsche, hinter Mauern, in Gärten. Der Staub lässt die Konturen von Häusern und Hügeln verschwimmen. In der Filiale der Oikocredit-Partnerorganisation ProEmpresa in Manchay, einem Stadtteil Limas anderthalb Stunden Autofahrt von Miraflores an der Küste entfernt, wischt eine Angestellte unentwegt über Tischflächen und Böden, um dem Staub Einhalt zu gebieten.

Perus Hauptstadt Lima liegt zwischen Küste und Wüste.

Von da aus weiter über Schotterpisten sieht es aus wie an vielen Orten der Erde. Unbefestigter Boden, einfache Behausungen, die eine Dauerbaustelle zu sein scheinen, aufgehäufter Müll, in dem immer mal jemand nach etwas sucht, streunende Hunde. Vereinzelt blüht etwas, steht ein Santa Claus mit Rentier neben der Haustür. 75 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner gehört der Ort nicht, in dem sie sich niedergelassen haben. 80 Prozent sind inzwischen an eine Wasserversorgung angeschlossen, die restlichen 20 Prozent kaufen Trinkwasser von privaten Unternehmen, die mit Lastern kommen und Tanks befüllen. Manchay breitet sich mit den Menschen, die aus dem Dschungel oder den Bergen oder aus Venezuela auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten nach Lima ziehen, fortwährend in die umliegenden Hügel aus. Ziemlich weit oben und etliche Schlaglöcher weiter empfängt uns Dimas Morales, Kundin von ProEmpresa, Herrin über 700 Hennen und ein paar stattliche Hähne, dazu ein paar Schweine.

Dimas Morales ist erfolgreiche Unternehmerin und Kundin der Oikocredit Partnerorganisation ProEmpresa.

Starke Aussagen

Sie ist klein, flink, hinreißend selbstbewusst und haut, mit Verlaub gesagt, ein druckreifes Zitat nach dem anderen raus.

1. Dem Geld ist es egal, wie du aussiehst und wie alt du bist.

2. Seit ich ein Kind war, wusste ich, dass ich nicht von einem Mann oder einem Sohn abhängig sein will. Ich habe immer für mich selbst gesorgt.

3. Mit den Hennen fühl ich mich frei und in Frieden.

4. Stellt euch vor, was ich alles hätte erreichen können, wenn ich weiter zur Schule hätte gehen können.

Guter Geschäftssinn

Dass die 68-Jährige vor fünf Jahren die Selva verlassen hat und hier an den Rand von Lima gezogen ist, war eine Geschäftsentscheidung. Rinderzucht im Dschungel war teuer und zu wenig profitabel. In Lima leben zwei ihrer Söhne. Der eine ist Krankenpfleger, der andere im Bau beschäftigt, beide unterstützen ihr Geschäft zwar, aber es ist ihrs. Ganz ihrs, ihre Leistung, darauf legt sie Wert und legt nachdrücklich die Hand auf die Brust. Als sie in Manchay ankam, hat sie einen Kredit aufgenommen und Schweine gekauft. Die Schweinezucht ist teuer. Es dauert, bis man ein Schwein verkaufen kann und Gewinn macht. Bis dahin wird nur investiert. Dimas Morales hatte Mühe, den Kredit zurückzuzahlen. „Ich will aber nicht hinterher sein mit den Zahlungen.“ Sie sattelte um auf Hühnerzucht und suchte nach einer Finanzinstitution, bei der sie monatlich nur die Raten zurückzahlen kann und nach Ende der Laufzeit die Kreditsumme. So hält sie es jetzt bei ProEmpresa. Inzwischen hat sie dort ihr fünftes Darlehen, 4.000 Soles, etwa 1.000 Euro. „Hier oben Kund*innen zu bedienen ist vielen anderen Mikrofinanzinstitutionen zu mühsam“, sagt Peter Mediano Gonzáles, ihr Kreditberater, der mit uns heraufgefahren ist.

Unsere Study Tour-Gruppe ist beeindruckt von Dimas Morales.

Innovative Technologien

Die Hennen behält Dimas Morales zweieinhalb Jahre, nach einem halben Jahr etwa legen sie ihr erstes Ei, wenn sie sieben Kilo wiegen, werden sie verkauft. Es sind unterschiedliche Rassen, eine hat sie aus dem Dschungel mitgebracht. In Kombination mit einem besonderen Futter, lilafarbenem Mais und Blumenkohl beispielsweise, entwickeln die Eier einen so besonderen Geschmack, dass sie das Kilo für zwölf statt der üblichen vier Soles auf dem Markt verkaufen kann. Wir gehen ein Stück mit ihr den Hügel hinunter, treffen auf ihren Mann Teófanes Espinoza Mendoza im zweiten Stall, steigen noch ein Stückchen weiter hinunter bis zu ihrem Wohnhaus, wo im Hof zwei Kühlschränke stehen. Ihr Sohn Neider hat sie zu Inkubatoren umgebaut. „Als meine Mutter anfing mit den Hühnern und den Eiern, habe ich überlegt, wie ihre Arbeit effizienter werden kann. Das Problem war, dass die Küken bei traditioneller Brut zu ganz unterschiedlichen Zeiten schlüpften.“ Neider Espinoza, eigentlich Bauarbeiter, machte sich in einem der vielen Internetcafés in Manchay auf Youtube schlau, baute die alten Kühlschränke um, „es durfte nicht viel kosten“, baute Temperturmesser und ein Rotationsprinzip ein, das die Leistung der Hennen, die die Eier während des Brütens drehen, nachahmte. Ein kleines Mototaxi, das vor dem Haus steht, dient als Notstromaggregat. Alles funktioniert.

Neider Morales innovative Ideen machten die Hühnerzucht seiner Mutter erfolgreicher.

Zukunftsvisionen

Drei Stunden Arbeit am Tag habe sie mit den Hühnern, sagt Dimas Morales. „Die Arbeit ist nicht hart“, sie kann sie tun, solange sie lebt, neben der kleinen Kaffeeplantage im Dschungel, die sie zur Erntezeit bearbeitet, und dem Plan, den Betrieb auf 5.000 Hennen zu vergrößern. Das ist die Stelle, an der sie davon erzählt, dass sie nur zwei Jahre zur Schule gehen konnte und sagt: „Stellt euch vor, was ich alles hätte erreichen können, wenn ich länger zur Schule gegangen wäre.“

Dimas Morales hat noch viele Ziele. Eines davon ist, ihre Hühnerzucht zu vergrößern.

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