Neue Chancen schaffen: Ein Besuch bei unserem FAIRTRADE-Partner CARF

Blanca Rodriguez, 49, eine Mitarbeiterin bei Manos. Blanca ist für Produktion und Export zuständig.11. Juli 2017

„Nein, ich habe keine Träume – ich lebe von Tag zu Tag“, sagt Valeria, als ich sie nach ihren Träumen für die Zukunft frage. Ihre Antwort überrascht, denn sie hat mir gerade von ihren Plänen erzählt, Physiklehrerin zu werden. Es stellt sich heraus, dass sie schon so lange davon träumt, Lehrerin zu sein, dass diese Träume Teil ihrer selbst sind und kein weit entferntes zukünftiges Ziel.

Warum gehen wir selbstverständlich davon aus, dass Menschen Träume und Ziele brauchen? Sind sie eine unabdingbare Voraussetzung für Glück oder ein erfülltes Leben? Letztlich ist es doch so: Wenn jemand sagt, dass er oder sie keine Träume hat, dann bedeutet das für gewöhnlich, dass sie tagein, tagaus um das Lebensnotwendigste kämpfen: Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf. Erst, wenn die Grundversorgung gedeckt ist, haben die Menschen den Kopf frei für Träume. Und deswegen fragen wir sie nach ihren Träumen.

Und welche Ziele, Wünsche oder Träume haben wir hier bei Oikocredit? Ein Besuch bei CARF, eine der Genossenschaften unseres Partners Manos (Uruguay), mag uns diese Frage beantworten. Mit Unterstützung von Virginia Juele, Oikocredits Kommunikationsfachfrau für Südamerika, unterhielten wir uns mit einigen Mitgliedern der Genossenschaft zu ihrem Leben und ihren Träumen.

Patricia Leivas Sosa, 42, färbt und trocknet Wolle bei Manos.

Manos & CARF

Zunächst noch ein paar Worte dazu, wie Manos und die darin zusammengeschlossenen Genossenschaften arbeiten. Manos ist eine gemeinnützige Organisation, die in Uruguay hochwertige Wollprodukte – überwiegend für den Export – herstellt. Sitz und Verkaufsabteilung befinden sich in der Hauptstadt Montevideo. Im ganzen Land arbeiten die Genossenschaften an den Designs und liefern auf Bestellung die fertigen Kleidungsstücke, die Manos dann ins Ausland exportiert. Die Genossenschaften verarbeiten und färben die Wolle, weben die Stoffe (u. a. für bekannte Marken wie Gabriela Hearst und Ulla Johnson) und stricken Pullover, Ponchos und andere Kleidungsstücke.

CARF in Fraile Muerto (im Osten Uruguays) ist eine der Genossenschaften, die die Wolle spinnt und anschließend ein- oder mehrfarbig färbt. Elf Mitglieder gehören CARF an. Einige dieser Mitglieder spinnen die Wolle bei sich zu Hause, andere färben sie, wieder andere führen die Qualitätskontrolle durch und verpacken die Produkte für den Transport nach Montevideo. 

Stolze Mitglieder

Lachende Gesichter heißen uns willkommen.

Wir sprechen mit vier Mitgliedern, deren Geschichten sich weitgehend ähneln: Bevor sie CARF beitraten, arbeiteten sie in der Landwirtschaft, putzten oder beaufsichtigten die Kinder von Leuten, die sich ein Kindermädchen leisten können. Ihre Männer haben entweder Bürojobs oder arbeiten auswärts auf großen Farmen. Dann hörten sie von CARF – dort erhielten sie zunächst eine praktische Ausbildung und verdienen jetzt besser als je zuvor. Außerdem lässt sich bei CARF die Arbeit flexibel mit der Kinderbetreuung vereinbaren. Nicht zuletzt vermittelt die Genossenschaft ihren Mitgliedern wertvolle betriebswirtschaftliche Kenntnisse, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit. Alle Mitglieder sind zu Recht stolz darauf, wie weit sie es bereits gebracht haben. Sie arbeiten als Team gut zusammen, aber ihre Träume und Ziele sind durchaus verschieden.

Janet, Patricia, Valeria und Blanca

Janet Caballero Novo, 59, die Direktorin von CARF, konnte dank Manos bereits viele ihrer Träume in die Tat umsetzen. Janet wurde nicht nur Kunsthandwerkerin, sondern auch Direktorin und Vorstandsmitglied. Überdies hatte sie Gelegenheit, das ganze Land zu bereisen. Bis zu ihrer wohlverdienten Rente will Janet weiter für Manos arbeiten und dann den Ruhestand genießen.

Patricia, verheiratet und drei Kinder, färbt am liebsten Wolle, denn diese Arbeit wird recht gut bezahlt. Ihr ältester Sohn ist 23 Jahre alt und studiert Buchhaltung in Montevideo. Im nächsten Jahr wird auch ihre 21-jährige Tochter ausziehen, um zu studieren. Dann wird nur noch ihr neunjähriger Sohn zuhause wohnen. Es ist Patricia wichtig, dass all ihre Kinder eine gute Ausbildung genießen. Sie selbst würde gerne einen Kleinwagen kaufen und damit Uruguay erkunden.

Valeria hingegen besucht montags und dienstags eine pädagogische Hochschule in Melo, um Physiklehrerin zu werden – flexible Arbeitszeiten bei CARF machen es möglich. Sobald sie ihr Studium abgeschlossen hat, wird sie die Genossenschaft allerdings verlassen, da sich beide Jobs schwer miteinander vereinbaren lassen. „Aber wenn nötig, kann ich gerne aushelfen“, fügt Valeria hinzu.

Auch Blanca Rodriguez, 49, ist ein Mitglied von CARF. Vor vier Monaten verlor sie ihren Mann. Sie möchte, dass ihre Kinder in ihrem Leben viel erreichen. Für sich selbst wünscht sie sich, zu reisen und mehr über ihr Land zu erfahren. Blanca will so lange für Manos arbeiten, bis sie in Rente geht.

Blanca Rodriguez, 49, eine Mitarbeiterin bei Manos. Blanca ist für Produktion und Export zuständig.

Raum für Träume

Diese Geschichten sprechen für sich. Manos und seine Genossenschaften schaffen ein Umfeld, in dem Frauen zusammenarbeiten und so ihre Ziele realisieren können. Für die eine mag das eine Karriere bei Manos sein, für die andere ein Einkommen, mit dem sie die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren kann, ein Auto, um Uruguay zu erkunden, oder Gelegenheit zu einer Ausbildung für eine Laufbahn außerhalb der Genossenschaft. Manos schafft Chancen.

Eins ist klar: Manos‘ Mitglieder brauchen sich von niemandem sagen zu lassen, was ein gutes oder sinnvolles Ziel ist. Das können sie ganz allein für sich selbst entscheiden.

Über Manos des Uruguay

Manos del Uruguay ist eine Nonprofit-FAIRTRADE-Organisation, die 1968 gegründet wurde. Sie hat das Ziel, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Chancen und Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen in ländlichen Gebieten zu schaffen. Sie sollen in ihren Heimatorten bleiben können, ihren Lebensunterhalt verdienen und sich weiterentwickeln können. Die Frauen von Manos del Uruguay färben Wolle und entwerfen und stricken Kleidung – sowohl für den lokalen Markt als auch für bekannte internationale Modemarken.

Manos del Uruguay arbeitet seit 2009 mit Oikocredit zusammen; kurz danach wurde sie als FAIRTRADE-Organisation von der WFTO zertifiziert.

Die fertigen Produkte kann man im Online-Shop von Manos del Uruguay kaufen.

Firmen, die in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien und Skandinavien mit den Garnen von Manos handeln, finden Sie unter: www.manosyarns.com.

Ein Text von Pauline Opmeer

Pauline Opmeer ist eine niederländische Fotografin. Mit ihrem Mann Wim, ebenfalls ein Fotograf, reist sie seit 2010 um die Welt, um über Oikocredits Partnerorganisationen zu berichten. Ebenfalls seit 2010 arbeitet das Paar gemeinsam unter dem Namen Opmeer Reports. Ihre Fotos und Videos haben nachhaltige Entwicklung, Mikrofinanz und soziales Unternehmertum zum Thema. Pauline berichtet regelmäßig über Oikocredits Partner und deren Kundinnen und Kunden auf Oikocredits Blog.

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