Oikocredit vor Ort: Südindien

Thomas Jesu, Bereichsleiter Maanaveeya29. März 2017

Wir haben Thomas Jesu von Maanaveeya, der südindischen Niederlassung von Oikocredit, interviewt. Er berichtet von einem typischen Arbeitstag, den Partnerorganisationen und Oikocredits zukünftiger Strategie in Indien.

Thomas Jesu, Bereichsleiter bei Maanaveeya.

Wie lange arbeiten Sie schon bei Oikocredit und was sind Ihre Aufgaben?

Ich habe meine Tätigkeit für Maanaveeya 2003 als Projektbetreuer begonnen. Ab 2007 war ich als Manager für Mikrokreditprogramme einer anderen Entwicklungsgenossenschaft tätig, bevor ich 2009 als Bereichsleiter für Südindien zu Maanaveeya zurückkehrte. In dieser Position bin ich mittlerweile seit sieben Jahren, mit Oikocredit bin ich aber bereits seit über zehn Jahren verbunden. Aktuell betreue ich von Hyderabad aus Portfolios von rund 20 Partnern in ganz Südindien.

Maanaveeya in Hyderabad, Indien.

Wie würden Sie einen typischen Arbeitstag beschreiben? Wie oft besuchen Sie Ihre PartnerInnen?

Da wir bei Maanaveeya sehr auf unsere CO2-Bilanz achten, nehme ich den Zug, um die PartnerInnen zu erreichen. Jährlich lege ich zwischen 8.000 und 10.000 Kilometer mit dem Zug zurück. Meist ist es möglich, einen Nachtzug zu buchen, sodass ich die entsprechenden PartnerInnen in den Morgenstunden erreiche.

Im Büro der PartnerInnen werden dann die Abläufe meines Aufenthalts geplant. Während Besuche bei unseren gegenwärtigen PartnerInnen zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen, rechnen wir bei neuen mit drei bis vier Tagen. In dieser Zeit treffe ich alle Führungskräfte und AbteilungsleiterInnen der Organisation. Ein bis zwei Tage verbringe ich damit, MikrokreditnehmerInnen und die Filialen der PartnerInnen zu besuchen. Diese Treffen sind mir besonders wichtig, da ich mir hier einen Einblick in die Prozesse der Organisation verschaffen kann. Gleichzeitig sehe ich, wie unsere Darlehen den Menschen in der jeweiligen Region helfen.

Ich nutze diese Besuche, um mir immer wieder zu vergegenwärtigen, wie makroökonomische Veränderungen das Leben der Menschen beeinflussen. Diese Eindrücke bestärken mich in meinem Engagement, das Leben vieler Menschen mit einem Zugang zu finanziellen Dienstleistungen und Infrastrukturen durch Maanaveeya und Oikocredit positiv zu verändern.

Ich besuche die PartnerInnen einmal jährlich, wenn nötig natürlich öfter. Gelegentlich können wir VertrerInnen der Organisationen in unserem Büro in Hyderabad begrüßen.

Wie setzt sich Oikocredits Portfolio in Indien eigentlich zusammen?

In meiner Region arbeiten unsere PartnerInnen mit Menschen, die keinen Zugang zu Indiens formellen Finanzsektor haben. Wir arbeiten überwiegend mit Mikrofinanzinstitutionen zusammen, haben aber auch einige PartnerInnen in anderen Bereichen. Beispielsweise unterstützen uns Bildungseinrichtungen bei der Ausbildung von Kindern benachteiligter Familien. Andere Beispiele finden sich im Bereich des Kunsthandwerks oder der Landwirtschaft, wo wir Partnerunternehmen den Verkauf ihrer Produkte erleichtern.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg, bis alle Menschen in Indien Zugang zu regulären Krediten erhalten. Für uns ist Innovation der Schlüssel, um in Indiens konkurrenzstarkem Finanzsektor relevant zu bleiben. Vor einem Jahrzehnt war Maanaveeya einer der Pioniere im Mikrofinanzsektor in Indien. Heute richten wir uns eher an kleine und mittelgroße Unternehmen und den Bereich Erneuerbarer Energien. Außerdem gibt es großartige Möglichkeiten in Indien, Eigenkapital in Start-Ups zu investieren: Wir müssen einfach mal in eine andere Richtung denken und investieren!

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, die Maanaveeya und Oikocredit in Indien gegenüberstehen?

Ich denke, die größten Herausforderungen für uns sind momentan fallende Zinsraten und der Umstand, dass viele unserer MikrofinanzpartnerInnen bereits kleine Banken werden. Weil unser Portfolio ja auf Mikrofinanz ausgerichtet ist, ist es eine große Herausforderung für uns, zu diversifizieren.

Welche positiven Entwicklungen konnte Oikocredit Ihrer Meinung nach in Indien umsetzen?

Als eine der wenigen privat finanzierten Institutionen in Indien evaluiert Maanaveeya im Zuge des Due Diligence-Prozesses auch die eigene soziale Wirkung. Social Performance ist einer der wichtigsten Punkte in der Etablierung von nachhaltigen Unternehmen. Mit diesem Selbstverständnis haben wir in PartnerInnen investiert, die von Banken als nicht kreditwürdig eingestuft wurden. Durch die Hilfe von Maanaveeya konnten diese PartnerInnen zukunftsfähige und soziale Unternehmen aufbauen. Die Erfolgsgeschichten solcher Unternehmen haben in Indien zu einer massiven positiven Veränderung der Lebenssituation vieler Menschen geführt.

Welche/n Oikocredit-PartnerIn aus Ihrem Portfolio möchten Sie uns gerne vorstellen und warum?

Es ist schwierig, nur einen hervorzuheben, deshalb möchte ich Ihnen drei unserer PartnerInnen kurz vorstellen.

ESAF Microfinance ist einer unserer Langzeitpartner. Mit ESAF ist Maanaveeya auch durch investiertes Eigenkapital verbunden. Die Zusammenarbeit mit dem, vormals als NGO geführten, Unternehmen begann 2009 und wurde nach dessen Umwidmung zu einem Mikrofinanzinstitut weitergeführt. Kürzlich erhielt ESAF die Genehmigung zur Umwandlung der Organisation zu einer Genossenschaftsbank. Die Partnerschaft mit ESAF zeigt, wie Institute von ihrer Gründung bis zur Etablierung von Oikocredit unterstützt werden.

Frau Kishnabai Meshram hat durch ESAF ein Darlehen für die Anschaffung der Ziegen und die Errichtung einer Sanitäranlage erhalten.

Mit der NGO Bharathi Women Development Centre verbindet Maanaveeya ebenfalls seit 2009 eine gute Zusammenarbeit. Durch die Investition in Bharathis Kreditprogramm mit dem Fokus Sanitär und Hygiene konnten 25.000 Toiletten errichtet werden.

Frau Usharini konnte durch das Bharathi Women Development Centre eine Sanitäranlage errichten.

Seit 2014 zählen wir die Bangalore Greenkraft Producer Company zu unseren Partnern. Das Unternehmen ist in der Herstellung von Inneneinrichtung und Dekorationsartikeln tätig und konnte kürzlich die ersten Gewinne verzeichnen. Wir hoffen auf eine weitere positive Entwicklung, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zu einer Verbesserung der Einkommenssituation vieler Menschen führt.

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