Unterstützung für ukrainische Kleinbetriebe in schwierigen Zeiten

Svitlana Zubrytska, Oikocredits ukrainische Länderbeauftragte

Svitlana Zubrytska, Oikocredits ukrainische Länderbeauftragte

06. März 2017

Der Zugang zu Krediten ist für KleinbäuerInnen in der Ukraine bereits seit Jahrzehnten schwierig. Seit den Landwirtschaftsreformen und nachdem die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit von Russland erlangte, hat sich die Situation von Kleinbetrieben und auch von Kreditgenossenschaften verschärft.

Die meisten großen Investoren favorisieren landwirtschaftliche Großbetriebe. Oikocredits PartnerInnen in dem osteuropäischen Land bemühen sich, diese Lücke zu schließen: Sie versorgen gezielt kleinbäuerliche Betriebe mit Finanzdienstleistungen. Während des Ukraine-Konflikts ab 2014 gerieten viele von ihnen in Zahlungsschwierigkeiten. Svitlana Zubrytska, Oikocredits ukrainische Länderbeauftragte, erläutert im Interview die Hintergründe und berichtet, wie die Genossenschaft ihre PartnerInnen in Krisenzeiten unterstützen konnte.

Wie hat sich der Konflikt in der Ukraine zunächst auf die Kreditgenossenschaften im Land und ihre Kunden ausgewirkt?

Zunächst einmal kündigten zahlreiche Genossenschaftsmitglieder ihre Spareinlagen. Dahinter stand die Angst, durch eine weitere Eskalation des Konflikts könne die Landeswährung weiter an Wert verlieren. Aus dem gleichen Grund zögerten KundInnen, ihr Erspartes über längere Zeiträume anzulegen. Infolgedessen fehlte es den Kreditgenossenschaften an Einlagen, um die Nachfrage nach neuen Darlehen zu befriedigen. Das betraf vor allem die Kredite mit langer Laufzeit, die gerade Kleinbäuerinnen und -bauern benötigen.

In einem Video-Interview haben Sie kürzlich darauf hingewiesen, dass Oikocredit und ihre PartnerInnen bei der Darlehensvergabe seinerzeit vorsichtiger vorgehen mussten. Mit welchen Problemen waren Sie konfrontiert?

Zu jener Zeit wusste niemand, wie sich die Situation im Osten der Ukraine und auf der Krim entwickeln und welche wirtschaftlichen Folgen das haben würde. Sowohl KreditgeberInnen wie auch KreditnehmerInnen verzichteten auf Investment-Projekte, zum einen, weil die Währung so schnell an Wert verlor, und zum anderen wegen der wirtschaftlichen Ungewissheit. Außerdem hatte die Hyperinflation der Jahre 2014 und 2015 schwerwiegende Folgen für die Möglichkeit der heimischen Bevölkerung, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Wie unterstützten Oikocredit und ihre PartnerInnen die KundInnen in dieser schwierigen Phase?

Oikocredit arbeitete eng mit ihren Partnerorganisationen zusammen. Es gab regelmäßige Besuche und intensive Gespräche. Konkrete Hilfe bestand beispielsweise darin, dass wir PartnerInnen die vorzeitige Darlehenstilgung gestatteten, sodass sie Kredite zurückzahlen konnten, bevor die Währung noch weiter verfiel. Wann immer Kreditgenossenschaften Liquiditätsprobleme hatten, passten wir die Tilgungspläne an, wobei die ursprünglichen Rückzahlungstermine verschoben wurden.

Ist die Lage jetzt günstiger für den Ausbau des Geschäfts?

Politisch ist der bewaffnete Konflikt im Osten der Ukraine auf ein relativ klar abgegrenztes Gebiet beschränkt. Seit Mai 2016 hat sich die Wirtschaft stabilisiert und erholt sich jetzt sogar geringfügig. Auch bei Oikocredits PartnerInnen spricht einiges für eine Erholung. Vier der Kreditgenossenschaften, mit denen wir zusammenarbeiten, haben uns bereits um neue Darlehen gebeten. Sie sind jetzt zuversichtlicher, was die Schuldendienstfähigkeit ihrer Kunden betrifft. Das ist jedenfalls ein positives Zeichen für Fortschritte in der Ukraine.

In der schwierigen Phase haben Sie auch am Aufbau neuer Partnerschaften gearbeitet, die dem Landwirtschaftssektor nutzen.

Ja, 2015 sind wir eine neue Partnerschaft mit Megabank PJSC eingegangen, eine Bank mittlerer Größe, die Finanzdienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) erbringt. Megabank will sich stärker auf die Finanzierung von KMUs in der Landwirtschaft konzentrieren, denn gerade für diese Betriebe ist es oft schwierig, Kredite zu erhalten. Die Unterstützung von KMUs ist von kritischer Bedeutung, denn diese Unternehmen sind als Arbeitgeber die treibende Kraft im lokalen Wirtschaftsgefüge.

Der landwirtschaftliche Betrieb Petrivske Agrofirm erhielt 2010 ein erstes Darlehen der Megabank, mit dem Maschinen und Traktoren angeschafft werden konnten. So konnte der Betrieb mit professioneller Unterstützung wachsen.

Aus diesem Grund haben wir auch unsere Partnerschaft mit Poltava Sad Lt erneuert, einem landwirtschaftlichen Betrieb mittlerer Größe, der in der Zentral-Ukraine Getreide, Gewürze und Gemüse anbaut. Mit über 200 Vollzeitbeschäftigten und zusätzlichen SaisonarbeiterInnen ist das Unternehmen ein wichtiger Akteur in der Wirtschaft vor Ort. Zugleich bietet das Unternehmen eine zusätzliche Einkommensquelle für die Landbevölkerung, indem es von etwa 1.900 DorfbewohnerInnen Land pachtet.

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