Solidarität & Erfolg: Zwei Frauen zeigen, wie es geht

Solidarität & Erfolg: Zwei Frauen zeigen, wie es geht

BPCS-BR-05.jpg25. August 2020

Solidarität ist wichtig – nicht nur, aber mehr denn je in Krisenzeiten, etwa jetzt während der Corona-Pandemie. Das zeigen unser Partner BPCS und seine KundInnen.

Brasilien ist mit mehreren Millionen Infizierten und (gegen Ende August) weit über 100.000 Toten von der Covid-19-Pandemie stark getroffen. Benachteiligte, ärmere Bevölkerungsgruppen und Gemeinschaften leiden besonders. Mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die sich für diese Zielgruppen einsetzen, gehört zum Konzept von Oikocredit. Während der Pandemie ist zusätzliches Engagement gefragt – sowohl von der Genossenschaft und ihren MitarbeiterInnen vor Ort als auch von den Partnerorganisationen selbst. Eine von ihnen ist die brasilianische Nichtregierungsorganisation BPCS (Banco do Povo Crédito Solidário), mit der Nicolas Viedma, Senior Investment Officer von Oikocredit in Brasilien, auch jetzt in regelmäßigem Kontakt steht. Er ist beeindruckt von der Arbeit, die die KollegInnen von BPCS leisten: „Sie schaffen es, auch unter strenger Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln für ihre KundInnen in der Krise da zu sein und sie engmaschig zu betreuen.“ Eine kleine Spende aus dem Coronavirus-Solidaritätsfonds von Oikocredit habe zusätzlich dabei geholfen, dass BPCS 100 KleinstunternehmerInnen mit Hygienesets ausstatten konnte, „damit sie“, so Viedma, „die Covid-19-Vorschriften einhalten und ihre Geschäfte weiterführen können“.

BPCS: Herausforderungen durch Covid-19

In der Metropolregion São Paulo, in der BPCS tätig ist, habe es eine sehr starke erste Welle von Covid-19-Fällen gegeben, sagt BPCS-Geschäftsführer Fabio Maschio. „Das führte dazu, dass nicht lebenswichtige Aktivitäten für mehrere Wochen eingestellt wurden. Unsere KundInnen sind hauptsächlich KleinstunternehmerInnen, die meisten von ihnen kreativ und flexibel, sie sind es gewohnt, ihre Unternehmen täglich an wechselnde Bedürfnisse anzupassen. Manche von ihnen haben schon bald damit begonnen, Masken herzustellen, Hygieneprodukte zu vermarkten, ihre Lebensmittelservices unter Corona-gerechten Lieferbedingungen anzubieten oder Hochrisikogruppen bei ihren täglichen Einkäufen und Aktivitäten zu unterstützen. Auch wir bei BPCS haben uns angepasst, damit wir weiterarbeiten können. In den Filialen wurden Abstandsregelungen eingeführt und wir haben die Anzahl der Gruppensitzungen begrenzt.“

BPCS habe auch ihre Genehmigungsverfahren verändert, erläutert Fabio Maschio, um unnötige Besuche von KreditsachbearbeiterInnen zu vermeiden. In vielen Fällen machten sie nur kurze Besuche, um den regulären Geschäftsbetrieb zu überprüfen, und achteten dabei sehr genau auf die Einhaltung des nötigen Abstands.

Eigenes Modell für UnternehmerInnen

BPCS, 1997 gegründet, bietet Finanzdienstleistungen für Kleinst- und Kleinunternehmen in der südöstlichen Metropolregion von São Paulo und ist als einer der führenden Kreditgeber Brasiliens für seine soziale Wirkung anerkannt. Oikocredit wurde durch das besondere Solidaritätsmodell auf BPCS aufmerksam; seit 2015 arbeitet man zusammen. BPCS hat ein Modell für Solidaritätsgruppen entwickelt, bei dem Darlehen an eine Gruppe von vier bis sieben KleinunternehmerInnen vergeben wird, die dann die Mitverantwortung für den gesamten geliehenen Betrag übernehmen. Zwar biete BPCS auch Einzelkredite an, aber Solidardarlehen seien für über 90 Prozent der KundInnen der bevorzugte Weg, so Maschio.

Eine solche Solidaritätsgruppe kann sich aus NachbarInnen, FreundInnen oder GeschäftspartnerInnen, nicht aber aus Mitgliedern desselben Haushalts zusammensetzen. Hat sich die Gruppe zusammengefunden, organisiert BPCS erste Treffen, um ihre Pläne und Bedürfnisse besser zu verstehen und den TeilnehmerInnen ihre gemeinsamen Verpflichtungen zu erklären. Erst danach wird das Darlehen an die Mitglieder der Gruppe ausgezahlt.

Mehr Sicherheit in der Gruppe

KleinunternehmerInnen brauchen bei diesem Modell im Unterschied zu Individualkrediten keine Garantien oder Sicherheiten einzubringen. Zudem ist es in Sonderfällen auch möglich, einen Kredit zu bekommen, wenn jemand bereits eine negative Kreditgeschichte aufweist, erläutert Fabio Maschio. Das erfolge jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Bis zu zwei Mitglieder einer neuen Kreditgruppe können eine negative Verbraucherkreditgeschichte haben. Sind sie beispielsweise mit der Rückzahlung einer Rechnung in Verzug und warten auf Einnahmen aus ihrem neuen Geschäft, können sie während dieser Zeit von den anderen Mitgliedern der Gruppe unterstützt werden.

Maschio: „Durch die Methode der solidarischen Gruppenkredite können wir Kredite am unteren Ende der Vermögenspyramide in Brasilien vergeben.“ Ganz allgemein könnten Gruppenkredite dazu beitragen, die Ängste vor einer Kreditaufnahme zu überwinden, da sich die KreditnehmerInnen in einer kleinen Gruppe sicherer fühlten und miteinander austauschen könnten. Gruppenkredite seien auch für neu gegründete Unternehmen sinnvoll, in denen die UnternehmensgründerInnen noch keine Geschäftshistorie vorweisen können – was wiederum bei vielen konventionellen Banken Voraussetzung dafür ist, einen Kredit zu bekommen.

„Power of Union": Was Frauen schaffen

Besonders für Frauen sei die Methode der Solidaritätsgruppen von Vorteil und ein wichtiges Instrument zur Stärkung ihrer Rolle, erklärt Fabio Maschio. „Frauen machen 63 Prozent unserer Kundschaft aus. Innerhalb der Gruppen finden sie geeignete Wege, Einkommen zu erwirtschaften, für ihre Familien zu sorgen und andere Aktivitäten in der Gemeinschaft zu entwickeln.“ Die Wahl eines eigenen Gruppennamens übrigens zeige, was die Gruppe für sie bedeute; oft erinnere er an Kriegerinnen, versinnbildliche Stärke und Glauben. „Der Name ist immer auch symbolisch und verweist auf den täglichen Kampf jeder einzelnen Frau“, sagt Maschio.

 „Power of Union" („Macht des Zusammenschlusses“) – so nennt sich die Kreditgruppe von Helena de Jesus Oliveira. Davon, was solche Gruppen bewirken können, haben Helena de Jesus Oliveira und Cristiane Monteiro, beide Kundinnen von BPCS, in einem Gespräch erzählt, das MitarbeiterInnen von Oikocredit in Brasilien vor der Covid-19-Pandemie mit ihnen geführt haben, um zu zeigen: „Es geht in unserer Arbeit nicht nur um Kredite, Beratungen und Schulungen. Es bedarf auch der Bereitschaft von Menschen, Möglichkeiten zu erkennen, sich gegenseitig zu unterstützen und aneinander zu glauben.“

Helena de Jesus Oliveira hinter ihrem Straßenstand. Sie ist BPCS-Kundin und Teil der Kreditgruppe „Power of Union“.

Echte Chancen statt falscher Versprechungen

Nach persönlichen Schwierigkeiten sei sie obdachlos geworden, hatte nichts zu essen, folgte falschen Versprechungen, Arbeit zu bekommen, und landete in São Paulo, erzählt Cristiane Monteiro, und – mit einem Lächeln voller Hoffnung und Mut – davon, wie ihre Entschlossenheit, ihr Glaube und die einfache Freundlichkeit der Menschen ihr geholfen haben. In São Paulo angekommen, hatte sie kein Geld und keine Bleibe. Bekannte gaben ihr Unterkunft, bis sie mit ihrem Partner ein Zimmer mieten konnte. Eine Freundin gab ihr Snacks, die sie verkaufte. Dann erfuhr sie im Gespräch mit Helena de Jesus Oliveira von der Banco do Povo Crédito Solidário.

Da Monteiro neu in der Region war und noch keine unternehmerische Erfahrung hatte, hätte sie normalerweise kaum Chancen gehabt, einen Kredit für die Gründung eines Unternehmens zu erhalten. Aber die Darlehen der BPCS-Solidaritätsgruppe sind anders. Im Oktober 2018 nahm Monteiro ihr erstes Darlehen in Höhe von 1.300 Brasilianischen Real (etwa 212 Euro) auf, konnte die Ausrüstung und Materialien kaufen, die sie für die Gründung ihres eigenen Unternehmens benötigte.

Geschäfte aufbauen, Lebensumstände verbessern

Helena de Jesus Oliveira hat schon im Alter von 15 Jahren mit dem Verkauf von Taschen und Zeitungen begonnen. Einige Jahre später entdeckte sie ein Geschäft, in dem sie Stoffreste kaufen konnte, und begann mit der Herstellung von Bettbezügen. Aber auch das reichte nicht aus für ein nachhaltiges Einkommen. So schloss sie sich einer BPCS-Kreditgruppe an.

Dank BPCS konnte Helena de Jesus Oliveira ihr Geschäft ausbauen.

Mit einem Kredit war sie in der Lage, Material zu lagern und mehr Produkte herzustellen. Als sie Cristiane Monteiro traf, hatte Helena de Jesus Oliveira bereits einen eigenen Straßenstand, an dem sie Bettbezüge und andere Artikel verkaufte – und ihr Geschäft wuchs stetig.

Mittlerweile hat sich Cristiane Monteiro mit ihrem Stand neben dem von Helena de Jesus Oliveiras niedergelassen, wo Monteiro köstliche „Tapiokas“, ein Gericht aus dem Nordosten Brasiliens, zubereitet und auch Erfrischungsgetränke und andere Snacks verkauft. Ihr Leben habe sich verändert, seit sie Kundin bei BPCS ist, sagt die Kleinunternehmerin im Gespräch. Sie sei stolz und dankbar für das, was sie erreicht hat, und zuversichtlich, dass sie weiter vorankommen wird. Auch die Lebensumstände von Helena de Jesus Oliveira haben sich verbessert. Zuvor lebte sie mit ihrer Familie in einem Zimmer auf engstem Raum. Seit sie einen Kredit erhalten hat, konnte sie ihr Einkommen steigern und ihr Haus erweitern. Sie hat ein zusätzliches Schlafzimmer angebaut und eine kleine Werkstatt errichtet, in der sie heute viele ihrer Produkte näht.

Mittlerweile hat Cristiane Monteiro einen Straßenstand neben jenen von Helena de Jesus Oliveira.

Beide Frauen sind glücklich mit ihrer Mitgliedschaft bei BPCS. Die Tarife und Bedingungen des Finanzinstituts seien vorteilhafter für sie als bei konventionellen Banken. Sie schätze es, wie man ihr als Kundin begegnet und sie berät, sagt de Jesus Oliveira, „Wenn ich in die Filiale gehe, weiß ich, dass man mich mit guten Ideen und Ratschlägen unterstützt“.

Solidarische Partner mit gemeinsamem Ziel

Die Geschichte von Cristiane Monteiro und Helena de Jesus Oliveiras ist beispielhaft für die Arbeit von BPCS und deren Partnerschaft mit Oikocredit. Sie passt gut zu einem der Schwerpunktbereiche von Oikocredit: die finanzielle Inklusion von Menschen und Gemeinschaften mit geringem Einkommen zu fördern und voranzutreiben. Maximale positive soziale Wirkung ist das gemeinsame Ziel, Solidarität unter allen Beteiligten der Weg dorthin. Erfolg zeigt sich für die Genossenschaft Oikocredit nicht nur in der Bereitstellung von Darlehen, Beratungen und Schulungen. Ihr geht es um tragfähige Partnerschaften, sie will als Katalysator positive Veränderungen anstoßen, nutzt dafür ihre lokalen Kontakte und ihr globales Netzwerk und bringt gleichgesinnte Menschen und Organisationen zusammen.

« Zurück