Damit aus der Gesundheitskrise keine noch größere Ernährungskrise wird

Damit aus der Gesundheitskrise keine noch größere Ernährungskrise wird

Hans Perk27. Juli 2020

Ein Blogbeitrag von Hans Perk, Regionaldirektor für Afrika bei Oikocredit.

Bedingt durch die Ausbreitung des Coronavirus könnte die Zahl der Menschen, die von chronischem Hunger betroffen sind, dieses Jahr um weitere 130 Millionen Menschen ansteigen, so eine Schätzung der Vereinten Nationen (UN) in einem jüngst veröffentlichten Bericht.

Der UN-Bericht untersucht in erster Line, welche Fortschritte gemacht wurden, um den Hunger auf der Welt nachhaltig zu beenden. Er enthält Beiträge von Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). Diese Organisationen sehen immer deutlicher, wie verheerend sich die Pandemie auf die ärmsten und verletzlichsten Gemeinschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika auswirkt. Schon vor dem Ausbruch von Covid-19 waren 135 Millionen Menschen weltweit von akutem Hunger betroffen. Corona schafft nun neben einer Gesundheitskrise auch eine Ernährungskrise, in der viele Menschen an Unterernährung sterben werden.

Die Abstandsregeln sowie unterbrochene Lieferketten schaden dem internationalen Handel mit Kaffee und Kakao. Das ist das eine. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass kleinbäuerliche Betriebe, die Nahrungsmittel für sich selbst anbauen und Überschüsse an umliegende Gemeinden verkaufen, in vielen Ländern des Globalen Südens das Rückgrat der Nahrungsmittelversorgung bilden. Tatsächlich werden rund 70% der Weltbevölkerung von KleinbäuerInnen ernährt. Da viele Märkte nun geschlossen sind und die BäuerInnen nur schwer Kredite erhalten, die sie für die Vorbereitung des Bodens und den Kauf von Saatgut benötigten, sind sie selbst von Hunger bedroht und können auch nicht den Bedarf der lokalen Märkte decken. Wie wir aus der Vergangenheit wissen, verlassen Menschen, die von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, eher die ländlichen Gebiete und suchen ihr Glück in den Städten. Das könnte das Virus noch weiterverbreiten. Unterbrochene lokale Versorgungsketten und eine geringere Produktion haben bereits dazu geführt, dass die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis und Mais auf vielen lokalen Märkten gestiegen sind.

Anfang Mai berichteten Oikocredit-KollegInnen in Nigeria, dass die Straßen voller Menschen waren, die gegen die Ausgangsbeschränkungen demonstrierten und von der Regierung Nahrungsmittelhilfe forderten. Das war anders als in Europa, wo es etwa zeitgleich Proteste von Menschen gab, die sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlten. Im Globalen Süden sind die Menschen nicht nur besorgt darüber, dass sie an dem Virus, sondern auch an Hunger sterben könnten. 

Nahrungsmittelhilfe und staatliche Unterstützung sind für die Schwächsten von entscheidender Bedeutung, aber Unterstützung ist auch für Mikrofinanzinstitutionen nötig, die in dieser Krise eine wichtige Rolle spielen können.

Wie kann der Mikrofinanzsektor Teil der Lösung sein?

Ungefähr ein Drittel der KundInnen der von uns finanzierten Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) betreiben Landwirtschaft in ländlichen Gebieten. Seit Jahren unterstützt Oikocredit vor allem Organisationen, die einen erheblichen Teil ihrer Kredite an KleinbäuerInnen vergeben, damit diese die Investitionen tätigen können, die für die nächste Ernte nötig sind. Oft handelt es sich dabei um kurzfristige Kredite für einige Monate, mit denen die BäuerInnen Saatgut und Düngemittel kaufen und die Vorbereitung des Bodens bezahlen. Den Kredit zahlen sie zurück, wenn sie ihre Produkte an NachbarInnen und auf lokalen Märkten verkauft haben.

Viele der von Oikocredit unterstützten Mikrofinanzinstitutionen sind relativ klein. Schon vor dem Ausbruch von Covid-19 war es für sie schwierig an Kapital zu kommen, um Kredite an diese BäuerInnen vergeben zu können. In der aktuellen Krise ist es für sie noch schwieriger, neue Mittel zu bekommen. Die Zentralbanken entwickeln Programme zur Unterstützung des formellen Bankensektors, doch kleine und nicht regulierte MFIs kommen für diese Unterstützung kaum in Frage. 

Oikocredit hat ein lokales Netz von Geschäftsstellen in Afrika, Asien und Lateinamerika und kennt daher diese Organisationen. Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit ihnen zusammen und werden sie auch weiterhin unterstützen. Unsere anhaltende Unterstützung ist nicht nur für die MFIs selbst wichtig, sondern noch viel wichtiger für deren KundInnen. So hat Oikocredit zum Beispiel einem langjährigen westafrikanischen Partner, einer kleinen MFI im Norden Malis mit einem starken ländlichen Fokus, einen zusätzlichen Kredit gewährt. Diese zusätzliche Investition in Höhe von 400.000 Euro dient der Finanzierung von kleinbäuerlichem Gartenbau und kommt GetreidebäuerInnen zugute, die ihre Betriebe vor der kommenden Regenzeit vorbereiten müssen. Da die National Agriculture Development Bank (BNDA), der Hauptfinancier der MFI, derzeit ihre Zusagen für dieses Jahr senkt, hat dieser Partner nur wenige alternative Geldquellen, um den Finanzierungsanfragen seiner Mitglieder nachzukommen. Für die KundInnen gibt es auch keine anderen Möglichkeiten, um an Geld für den Unterhalt ihrer Familien zu kommen. Mit Unterstützung von Oikocredit wird unser Partner aber mehr als 2.000 kleinbäuerlichen Betrieben im ländlichen Mali Kredite zur Verfügung stellen können.

Unsere Arbeit konzentriert sich derzeit auf die finanzielle Gesundheit unserer PartnerInnen und darauf, ihnen zu helfen, den Sturm zu überstehen. Wie wir heute handeln und welche Unterstützung wir leisten, hat weitreichende Folgen für die Gegenwart und die Zukunft. Indem wir unseren Partnern starke und kontinuierliche Unterstützung bieten, helfen wir wiederum Menschen mit niedrigem Einkommen, Essen auf den Tisch zu bringen. So helfen wir auch zu verhindern, dass aus einer Gesundheitskrise eine Ernährungskrise wird.

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