Eindrücke aus Kenia: Der „Water Man“ (Teil 1/2)

Eindrücke aus Kenia: Der „Water Man“ (Teil 1/2)

Elikanah.jpg23. Juni 2020

Ein Blogbeitrag geschrieben von Elikanah Ng'ang'a, Referent für Social Performance & Capacity Building für Oikocredit Afrika

Die Geschichte vom „Water Man“ erzählt von der Entschlossenheit eines Mannes die Covid-19-Kurve abzuflachen und liefert Lehren für Oikocredit-Partner, MitarbeiterInnen und InvestorInnen. In diesem ersten Teil seines Blogs schreibt Elikanah Ng'ang'a, der das soziale Wirkungsmanagement und die Schulungen für unsere afrikanischen Partner verantwortet, darüber, wie der Water Man ihn und andere Oikocredit-MitarbeiterInnen in der Oikocredit-Geschäftsstelle in Kenia inspiriert hat.

Es ist Mitte Mai, und während ich mich auf meinen gewohnten Platz zurückziehe, um die Abendnachrichten zu verfolgen, beschäftigt mich Covid-19 stärker als an jedem anderen Tag seit dem Ausbruch des Coronavirus in Kenia. Ein Grund dafür könnte die rasch wachsende Fallzahl in den informellen Siedlungen von Nairobi sein, insbesondere im Slum von Kibera. Da es sich um den größten städtischen Slum in Afrika handelt, in dem fast eine Million Menschen leben, ist es nahezu unmöglich Abstand zueinander zu halten. Vor 23 Jahren lebte ich dort, als ich arbeitslos war. Später freundete ich mich gut mit den EigentümerInnen der Kleinstunternehmen in Kibera an, als ich als Kreditsachbearbeiter für eine örtliche Mikrofinanzinstitution arbeitete.

Während ich fernsehe, warte ich verzweifelt auf gute Nachrichten. Aber die Nachrichten beginnen mit der gewohnten Aktualisierung der Covid-19-Statistik. Dann folgen Warnungen der Regierung, was passieren kann, wenn die Menschen die Anweisungen des Gesundheitsministeriums nicht befolgen. Die Regierung hat die Bewegungsfreiheit in den Städten Nairobi und Mombasa sowie in vier weiteren Bezirken eingeschränkt, die eine hohe Zahl von Covid-19-Fällen registriert hatten, und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. In den Nachrichten wird über einen jungen Mann berichtet, der 300 Kilometer von Mombasa nach Machakos gereist war und dabei verschiedene Straßensperren der Polizei umgangen hatte, nur um das Virus leider auf seine Schwester zu übertragen.

Als die schlechten Nachrichten weitergehen, denke ich mir, dass dies ein weiterer Tag sein würde, der ohne jeden Hoffnungsschimmer endet. Um unsere kleinen Kinder vor schlechten Nachrichten über Covid-19 zu schützen, haben meine Frau und ich vereinbart, nur die Nachrichten um 21 Uhr anzusehen. Um die Kinder vor dem Schlafengehen zu beruhigen, lesen wir ihnen Bibelgeschichten vor. An diesem Abend bin ich gerade dabei, den Fernseher früh auszuschalten, damit wir den Kindern die Geschichte vorlesen können.

Der „Water Man“

Dann kommt sie, eine gute Nachricht, die ich so verzweifelt hören wollte: Es ist die Geschichte von John Njenga, einem Mann, den die BewohnerInnen von Nairobi den „Water Man“ nennen. Vor dem Ausbrauch des Coronavirus hatte John Njenga einen Job, aber wie mehr als 1,3 Millionen andere in Kenia wurde auch er durch die Pandemie arbeitslos. Er war Schulbusfahrer, bevor aufgrund von Covid-19 die Schule geschlossen wurde und seine Arbeit nicht mehr gebraucht wurde. Glücklicherweise hatte Johns Frau das Einkommen von ihrem Marktstand, der offen bleiben durfte, da der Markt im Freien stattfindet.

Was mich an der Geschichte von John Njenga am meisten beeindruckte, ist, dass er sich nicht in seinem Haus eingeschlossen hat und einen unbesiegbaren Virus beklagt. Er beschloss, etwas dagegen zu unternehmen und dabei zu helfen, die inzwischen berühmte Covid-19-Kurve abzuflachen. Mit seinen geringen Ersparnissen von rund 40 Euro kaufte er einen 200-Liter-Wassertank und vier kleinere 20-Liter-Wasserbehälter und machte sich auf den Weg ins Stadtzentrum von Nairobi. Zur Abflachung der Kurve sind gute Hygienemaßnahmen wichtig, aber John wusste, dass Nairobi häufig unter Wassermangel leidet. Erst am Vortag wurde bekannt gegeben, dass aufgrund der heftigen Regenfälle in einigen Einzugsgebieten die Leitungen gebrochen sind und einige Stadtteile kein Wasser haben werden.

John erhielt vom Gesundheitsdirektor der Stadt die Erlaubnis, seinen Wassertank an einem zentralen Ort aufzustellen, wo er wusste, dass Tausende von Menschen vorbeikommen und sich nun die Hände waschen können. John benutzt die kleinen Wasserbehälter, um Wasser aus einem anderen Teil der Stadt zu holen, um den Tank regelmäßig aufzufüllen. Das Nachfüllen kann unter der glühenden Hitze der Sonne stundenlang dauern.

Die Ticketpreise stiegen aufgrund der Abstandsregeln im Bus an, sodass John seinen Weg zum Nachfüllen teils zu Fuß zurücklegen muss. Trotz der Opfer, die er jeden Tag bringt – manchmal betreut er den Wassertank auch auf leeren Magen – bereitet es ihm Freude zu sehen, wie viele Menschen sich mit seinem Wasser die Hände waschen. Er sagt, wenn er etwas dazu beitragen kann, die Kurve abzuflachen, auch wenn die Tat noch so klein ist, wird er es tun und einen Unterschied machen. John erklärt: „Auch wenn ich nur einer Person helfe sich nicht zu infizieren, könnte dies die Person gewesen sein, die den Virus auf viele andere übertragen hätte.“ Die Geschichte war für mich sehr motivierend. Hier ist ein arbeitsloser Mann, der mit seinen einzigen Ersparnissen versucht, etwas zu verändern und die Kurve abzuflachen.

Auf YouTube können Sie sich den Beitrag von CitizenTV über John ansehen.

Lokale Oikocredit-MitarbeiterInnen antworten auf Covid-19

Im April sammelten Oikocredit-MitarbeiterInnen in Kenia rund 700 Euro, um Lebensmittel für unsere MitbürgerInnen zu kaufen, die ihre Lebensgrundlage verloren hatten. Aber ich habe jetzt das Gefühl, dass dies nichts ist im Vergleich zu den Bemühungen von John Njenga. Die meisten meiner KollegInnen in Kenia haben es auch auf sich genommen, ihr Einkommen zur Unterstützung von Verwandten zu verwenden, die in dieser Zeit ihre Arbeit verloren haben. Aber selbst das ist nichts im Vergleich zu dem, was der Water Man für Menschen getan hat, die weder seine Verwandten noch seine FreundInnen sind. Wir gaben aus unserem Überfluss, aber John gab aus seiner Armut heraus.

Johns Geschichte hat mir gezeigt, dass wir in diesem Kampf nicht hoffnungslos sind und dass jeder Mensch etwas geben kann. Es könnten Lebensmittel, Wasser, Seife, eine Maske oder ein Mobiltelefon sein, damit digitale Zahlungen getätigt werden können. Und es könnte auch Wissen sein, wie es einige BeraterInnen getan haben, indem sie ihre Dienste nicht in Rechnung stellten. Es könnte auch ein Investor oder eine Investorin sein, der/die sicherstellt, dass Mittel zur Finanzierung von Unternehmen zur Verfügung stehen, um diese Zeit zu überleben.

In den letzten drei Monaten standen Oikocredit-KollegInnen fast wöchentlich in Kontakt mit unseren Partnerorganisationen, um zu versuchen sie zu unterstützen. Die Geschäftsführung hat im Voraus Maßnahmen wie die Verschiebung von Rückzahlungen auf einen späteren Zeitpunkt und Vertragsverzichte genehmigt, damit die Partner diese schwierige Zeit überleben und ihre KundInnen auch in Zukunft bedienen können.

Es gibt KollegInnen, die Spenden gesammelt haben, damit wir unsere Partner dabei unterstützen können Masken und andere Schutzausrüstung für ihre MitarbeiterInnen und KundInnen zur Verfügung zu stellen. Wir haben auch gesehen, wie KollegInnen ihr Wissen in Webinaren ausgetauscht haben. Auch wenn wir vielleicht nicht dazu berufen sind, einen schweren Wassertank in die Innenstadt von Nairobi zu tragen, können wir doch etwas dazu beitragen, die Auswirkungen von Covid-19 zu mildern.

Im zweiten Teil meines Blogs, der demnächst veröffentlicht wird, möchte ich Ihnen zeigen, was unsere Partner angesichts der Pandemie getan haben. Meine KollegInnen und ich haben einige großartige Beispiele der Solidarität zusammengestellt, die ich mit Ihnen teilen möchte.

Alle Informationen zu Covid-19 finden Sie in der Übersicht "Coronavirus" unter "Aktuelles".

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